Harald Philipp: „Flowtrails sind wie Fast Food“

Eigentlich ist Harald Philipp Bikebergsteiger, d.h. er ist mit seinem Mountainbike dort unterwegs, wo sich manch anderer nur mit alpiner Ausrüstung hintraut. Und das macht er so gut, dass er davon leben kann.

Jetzt ist Harald Philipp auch noch unter die Autoren gegangen. Zusammen mit dem Outdoorsport-Forscher Dr. Simon Sirch hat er sich ausgerechnet dem inflationär gebrauchten Begriff „Flow“ angenommen.

OR: Flowtrails, Flowrider, Flow bei der Arbeit, Flowcountry…Flow überall! Braucht es darüber jetzt wirklich noch ein Buch?

Ich glaube, obwohl der Begriff so inflationär gebraucht wird, weiß niemand genau, was dahinter steckt. Aber irgendwie klingt Flow nach Glück, nach Spaß und Freude. Doch jeder interpretiert den Begriff anders. Und um da einen Überblick zu bekommen, haben wir das Buch geschrieben und den Vortrag gemacht.

OR: Bikebergsteigen verbindet man ja nicht unbedingt mit Flow. Kannst du das mal zusammenbringen?

Ich glaube, Flow ist eine sehr individuelle Geschichte. Es gibt Themen, wie den Flowtrail oder Flowcountrytrail. Das kommt mir immer so ein bisschen vor wie Fast Food. Das ist nicht wirklich nahrhaft, das macht nicht wirklich satt. Ich erlebe tatsächlich Flow, wenn ich diesen steilen Steig da in der Brenta fahre – auch gerade weil der Abgrund dabei ist. Das ist eine Sache, die findet ein Großteil der Mountainbiker schrecklich, ich finde das supercool. Es gibt dafür andere Sachen, die finden die anderen Biker super, die finde ich dann schrecklich. Also mein „flowig“ ist wahrscheinlich ein anderes „flowig“, als das von anderen Leuten. Aber das ist ok.

OR: Dein bester Flowmoment?

Kann man das wirklich werten? Ich glaube, Flow ist immer mal wieder wirklich gut und das ist dann auch nicht reproduzierbar. Das heißt, dass der gleiche Trail an einem anderen Tag nicht unbedingt den gleichen Spaßmoment bringt. Die coolsten Flowerlebnisse die ich hatte, kamen völlig überraschend: Wenn eine spontane Tour plötzlich wahnsinnig gut war, wenn sich alles per Zufall und ungeplant entwickelte; oder auch wenn ich extreme Mangelerscheinungen, einen brutalen Hungerast hatte – auch da bin ich „aus der Realität schon herausgezogen worden“.

OR: Kommen wir zum Thema innerer Antrieb. Ist der Flowmoment das was Harald Philipp antreibt?

OR: Du hast mit Bikebergsteigen einen sehr speziellen Lebensentwurf gewählt. Gab es den so?

Ich bin jetzt nicht Biker geworden, weil ich das Biken besonders gut kann, sondern eher, weil ich nichts anderes kann (lacht). Die Schulzeit war für mich keine coole oder entspannte Zeit. Ich wollte einfach nur Radfahren gehen. Trotzdem habe ich das Notwendige gemacht, um meine Abschlüsse zu machen und ein Studium anzufangen. Aber Radfahren hat sich so durchgezogen. Das ist das einzige Ding, wo meine Motivation nie gescheitert ist. Es ging immer besser, hat sich immer weiter entwickelt und jetzt sehe ich auch keinen Grund damit aufzuhören.

OR: Gibt es so ein Wort wie „Training“ bei dir überhaupt?

Nein. Ich versuche, im Winter ein bisschen Ausgleichstraining zu machen. Damit ich mein Hohlkreuz wegbekomme und nicht dick werde, in der Zeit, in der ich nicht biken kann. Aber ich trainiere jetzt nicht konkret für irgendwelche Projekte, weder mental noch physisch.

OR: Apropos mental…Du bist ja oft dicht am Abgrund unterwegs. Ein Fehler wäre fatal, wie gehst Du damit um? 

Ich suche diese Situationen ja. Ich suche Situationen, die mich mit einer Abgrundangst konfrontieren, aber gleichzeitig für mich bewältigbar sind. Also ich habe z.B. auf einem Riesenrad Höhenangst. Das ist für mich eine unglaublich ungute Situation, nicht alles im Griff zu haben. Ich habe auch am Berg hier und da Höhenangst. Ich hab aber das Gefühl, dass ich diese Angst überwinde, wenn ich auf mein Rad steige und losfahre. Dann lach ich der Angst ins Gesicht und sage: „Ne, ich kann hier radfahren“. Und dieser Klick ist supercool.

OR: Gibt es dann Situationen, wo du sagst „das mache ich nicht“?

Ja, ständig. Also das ist ja das coole beim Mountainbiken im Vergleich zum Klettern. Wenn du beim Klettern auf irgendeiner Route irgendwo nicht weiterkommst, dann ist die Tour für dich vorbei. Und beim Mountainbiken sagst du „ja ne, heute nicht“, nimmst das Rad in die Hand, steigst drei Schritte runter und fährst dann weiter.

OR: Das steinerne Meer, Monte Vioz und Monte Cevedale, Klettersteige in den Dolomiten…was ist das nächste Ziel von Harald Philipp?

Ach, diverse. Das Ziel ist, glücklich zu bleiben, meine eigenen Wege zu finden und nicht stehen zu bleiben.

OR: Harald Philipp, vielen Dank für das Interview.

Filmaufnahmen von Harald Philipp zu seinem Multimedia-Vortrag Flow/ Foto: Uta Philipp

Harald Philipp bei Filmaufnahmen für seine Multimedia-Vortrag „Flow“/ Foto: Uta Philipp

 

Infos zum Buch und zur Flow-Vortragsreihe

Buchcover freigestelltWer mehr wissen will, besucht einen von Harald Philipps Vorträgen: „Flow – Leidenschaft Mountainbike“. Für die zweistündige Multimediashow schrieb der 31-Jährige ein Drehbuch und produzierte zehn Kurzfilme. Gefilmt wurde in Full HD und 4K; Drohnenflüge und Timelapse-Aufnahmen versprechen Bikebergsteigen und Flow-Erleben hautnah. Harald Philipp startet seine Tour am 21.11.15. Alle Termine unter www.summitride.com/vortrag. Wer Lust auf sein Buch „Flow – warum Mountainbiken glücklich macht“ hat, klickt hier: www.summitride.com/buch.

Über Harald Philipp

Wenn man Harald Philipp fahren sieht, dann könnte man glauben, er ist in den Alpen groß geworden. Doch weit gefehlt, Harald Philipp kam in Siegen/Nordrhein-Westfalen zur Welt. Irgendwann zog es ihn dann aber Richtung Süden –genauer gesagt, nach Innsbruck/Tirol.
Für Harald Philipp ist Sport kein Wettkampf, sondern ein Genussmittel. Wenn er nicht auf dem Bike sitzt ist er höchstwahrscheinlich mit Skiern am Berg unterwegs. Im Tal findet man Harald Philipp nur selten.

 

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About the author Sven Papendick rotate

liebt technische Trails, gute Outdoorausrüstung und Skandinavien. Sein Hilleberg hat ihn noch nie im Stich gelassen.

7 Comments

  • Tolles Interview…mehr davon! Könnt ihr mir sagen, ob Harald Philipp auch bei mir in Regensburg seine Multimedia-Show hält?

  • Großes Lob, das Interview ist wirklich klasse! Wenn man sieht welche Berge Harald Philipp herunterfährt, glaubt man nicht, dass er auch in manchen Situationen Höhenangst hat…

    Gruß
    Simon

    • Sven Papendick 26/10/2015 at 20:44

      Hi Simon,
      danke für das Lob, freut uns! Wir waren auch überrascht über Harald Philipps Höhenangst

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