Ich treffe Ines Thoma beim Women’s Bike Camp in Saalbach Hinterglemm.  Mitten in der Saison guided die Canyon-Teamfahrerin dort in lockerer Atmosphäre, von Rennstress keine Spur. Und überhaupt wirkt Ines nicht gerade wie jemand, der verbissen Wettkämpfe fährt. Erstaunlich, denke ich, für jemanden, der in der Enduro World Series (EWS) so weit vorn dabei ist. Aber vielleicht sind sie einfach so die Enduro-Fahrer.

OR: Ines Thoma, ich treffe Dich hier gerade als Guide beim Women’s Bike Camp. Wie kannst Du Dir diese Auszeit vom Training leisten?

Ich lege das schon so, dass es passt. Ich kann mir an manchen Wochenenden nicht erlauben zu guiden, sonst würde ich zu wenig trainieren. Jetzt bin ich letzte Woche die TransProvence gefahren, das ist ja ein Sieben-Tages-Rennen und diese Woche habe ich Ruhewoche. So passt es perfekt rein.

Porträt Ines Thoma formt ein Herz

Ines Thoma eingefangen von Ines Thomsen (Thomsen Photography)

OR: Aber der Eindruck täuscht nicht, beim Enduro ist es etwas entspannter, lockerer, oder?

Genau. Auch wenn man sagen muss, dass sich das schon wieder verändert hat. Im Weltcup ist es natürlich ein Leistungssport. Weniger locker, trifft es vielleicht nicht ganz: Professionell, fokussiert, trifft es vielleicht eher. Das hat sich schon verändert, weil einfach mehr Geld eine Rolle spielt. Und da wo Geld, Teams und Profis sind, ist natürlich auch ein bisschen mehr Druck da. Aber trotzdem merkt man, dass die Enduro-Fahrer einfach unheimlich gern Radfahren. Das ist eine Sportart, wo man das Biken geil finden muss. Die Wettkämpfe gehen über den ganzen Tag und über bspw. fünf Täler. Manchmal habe ich das Gefühl, bei anderen Raddisziplinen da könnten die Leute genauso gut Langläufer sein, oder irgendwas anderes. Die finden es einfach geil, sich zu messen. Und beim Enduro, finde ich, leben die Leute das Radfahren. Und das macht es auch so locker. Das sind unglaublich coole Leute. Wir haben auch keinen Massenstart und in den Transferzeiten können wir uns unterhalten. Jeder fährt gegen die Uhr und man verbringt den Tag zusammen. Aber währenddessen weißt Du ja gar nicht, fährt der neben mir jetzt besser oder nicht. Und das macht ihn irgendwie sympathischer, als wenn bei einem Cross-Country-Rennen derjenige fünf Meter vor Dir fährt.

Der Dalmatiner schaut Ines Thoma beim Fahren zu (Pic: Max Schumann)

Ines Thoma unterwegs im Allgäu mit Hund und Freund (Pic Max Schumann)

Früher warst Du ja selbst Cross-Country-Fahrerin, in das Enduro-Geschäft bist Du ja eher so reingerutscht…

…Ich hatte zwei Knie-OPs innerhalb eines Jahres und dann hieß es,  überleg Dir lieber etwas anderes außerhalb des Leistungssports.  Dann dachte ich, okay, ich mache was anderes. Und eigentlich habe ich nur ein paar Freunden beim Bike-Festival ausgeholfen. Da hat mir ein Freund erzählt, dass es ein Enduro-Rennen gibt. Ich hab dann gefragt, was ist denn Enduro? „Ja, da geht es nur runter, ist doch bestimmt voll Dein Ding, das geht bestimmt mit Deinem Knie“, hat er gesagt. Ich hab da irgendwie gewonnen, mit einem Hardtail und dachte wirklich, das ist voll mein Ding. Ich bin schon immer am liebsten runter gefahren. Und dann habe ich bei meinem alten Sponsor angefragt und die haben gesagt, sie können mir auch ein Fully geben. Im ersten Jahr bin ich vielleicht drei Rennen gefahren und im zweiten Jahr ein paar mehr. Und auf einmal zackbumm gab es da eine Weltserie und ich war voll drin und  jetzt bin ich irgendwie Profi.

Ines Thoma: Ich will voll gut sein – immer!

OR: Dann heißt das wohl bei Dir einmal Racer – immer Racer?

Ja eh, genau! Voll! Ich würden sagen, ich hab schon so ein Race-Gen. Also auch im Winter. Meine Saison ist echt lang, von Februar bis November. Letztes Jahr habe ich schon Anfang Oktober aufgehört, weil ich ein sehr gutes Rennen hatte und dann dachte ich, jetzt reicht’s. Aber schon im November hab ich mich gefragt, was machst jetzt im Winter? Dann habe ich angefangen mit Skitourenrennlauf, weil ich das voll geil fand. Und alle haben gesagt „Du spinnst ja“ (lacht). Und dann hab ich im Winter auch wieder Rennen gemacht.

Ines Thoma bei der EWS in La Thuile

Steil ist geil: EWS Stopp 4 2016 in La Thuile, Italien (Pic Matt Wragg).

Was zeichnet einen guten Racer aus und wer ist das?

Schwer zu sagen. Ich würde sagen, in jeder Sportart gibt es die Übertalente. Einfach die, die von Geburt weg schon so talentiert sind, in allem was sie machen. So eine Ann-Caro Chausson. Einfach Leute die immer alles gewinnen, weil sie so talentiert sind. Und dann gibt es halt die, die es sich hart erarbeiten müssen, wo ich oft das Gefühl hab, dass die vielleicht einen Tick zu wenig Spaß mitbringen, weil sie immer sehr ehrgeizig und sehr verbissen sind. Bei mir ist es so, dass ich immer versuche viel Spaß dabei zu haben. Aber durch dieses Race-Gen, denk ich schon immer ans Gewinnen. Egal was ich tue. Zum Beispiel mache ich ungern so einen Fun-Lauf mit Freunden, oder so. Unser Silvesterlauf daheim ist so ein Beispiel. Da machen total viele von meinen Freunden und meiner Familie mit. Und ich tu dann auch immer so, „ja ich mach auch noch mit, ich finds auch voll lustig“, aber eigentlich will ich voll gut sein, immer (lacht sich kaputt).

OR: Und wer würdest Du sagen, ist im Enduro-Bereich so ein perfekter Racer?

Ann-Caro Chausson, würde ich sagen, sie war x-mal Downhill-Weltmeisterin und Olympiasiegerin im BMX. Sie fährt wie ein Mann, echt Wahnsinn. Wenn Du die von weitem fahren siehst, weißt Du nicht, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Sie fährt so kraftvoll. Letzten Winter hat sie Krebs gehabt, ganz tragisch und jetzt will sie in Whistler wieder zurückkommen, nach der Chemo und allem will sie jetzt wieder Rennen fahren. Jetzt hoffe ich, dass das klappt.

Frauen haben weniger Vorbilder

OR: Jetzt sagst Du, „sie fährt wie ein Mann“, würdest Du sagen, Männer sind die besseren Mountainbiker?

Na eigentlich schon, verrückterweise. Natürlich gibt es diese  ca. zehn Prozent Leistungsnachteil den Frauen haben und deshalb ist es ganz normal, dass Frauen langsamer sind und sich untereinander messen. Aber oft denke ich, Frauen haben auch weniger Vorbilder. Das hat die Tracy Moseley mal so schön gesagt: Wenn ein Junge zehn Jahre alt ist, macht er Bunny Hops und springt irgendwo runter und macht Wheelies. Frauen machen so was nicht. Und genau diese Grundfähigkeiten, dieses Spielerische, das haben viele Frauen nicht, weil sie es nicht so richtig gemacht haben. Ich glaube, dadurch fehlen viele Grundfähigkeiten, die wir eigentlich genau so gut können müssten. Und da gibt es zumindest manche Frauen, die das noch umsetzen können.

OR: Da hilft dann nur Training. Wie sieht eine Trainingswoche bei Dir in der Hochsaison aus?

Wir machen natürlich weniger Grundlagen, mehr intensive Einheiten. Zwischen zwei Rennen würde ich versuchen, zweimal die Woche Krafttraining zu machen und zweimal die Woche Intervalltraining. Und dann hängt es von der Strecke ab. Nächste Woche kommt ein Rennen  (LaThuile, Ines wurde 8.) da sind sehr viele Tiefenmeter dabei und sehr viele wirklich lange Stages. Da versuche ich davor nochmal in den Bikepark zu gehen. Andere Rennen, wie jetzt die Trans Provence, sind sehr ausdauerlastig. Da versuche ich, davor nochmal lange Grundlagenblöcke zu fahren.

vom Canyon Factory Racing Team: Ines Thoma hochkonzentriert

Wicklow, Ireland (Pic Matt Wragg).

OR:  Du wohnst im Allgäu, dann trainierst Du auch daheim?

Ja genau. Wir haben wenig Bikeparkmöglichkeiten, dafür viele Naturtrails. Grundlage fahre ich zum Beispiel im Tannheimer Tal, am Grünten, im Gunzesrieder Tal, bei Sonthofen. Kraftraining mache ich zu Hause, ich habe einen eigenen Fitnessraum. Wenn wir technisch Bikeparks fahren wollen, dann fahren wir bspw. nach Serfaus oder zum Geisskopf. Bei den Naturtrails im Allgäu fahre ich gerne bei Nesselwang, Füssen, Pfronten die Ecke. Im Allgäu ist es eher das Problem, dass Du Trails finden musst, die gut zugänglich sind. Wir haben viele gute Bergabtrails, aber häufig musst Du auch Dein Rad tragen, um irgendwo hochzukommen. Das ist für eine richtige Trainingseinheit oft ein bisschen mühsam. Am Falkenstein, Rottachberg, gibt es noch was. Da kannst Du mit einer Fahrstraße bis nach oben kommen. Reschen ist von uns auch nicht mal zwei Stunden entfernt. Das ist auch supergut. Aber wird sind soviel unterwegs – ich war jetzt letztes Jahr 166 Tage im Ausland. Ich habe das Gefühl, man fährt daheim gar nicht so viel Rad. Ich hab im Allgäu noch so geile Touren im Kopf, die ich noch machen möchte und dann komme ich nicht dazu.

Die Trans Provence das beste Enduro-Rennen

OR: Du bist im Frühsommer die Trans Provence gefahren und fandest es faszinierend…

….ja auf jeden Fall! Das ist das beste Enduro-Rennen. Das gesamte Flair dieser Veranstaltung ist so toll. Ich mag das Format, mehrere Tage am Stück zu fahren und die Trails vorher nicht zu kennen. Das ist eine ganz spezielle Art des Rennfahrens. Bei der EWS versuchen wir die Strecken so gut wie möglich auswendig zu lernen, wir fahren sie zwar nur einmal ab – im Gegensatz zum Downhill, ist das auch nicht viel – aber Du hast die Helmkameras an und im Endeffekt weißt Du, wo Du lang fährst. Bei der Trans Provence musst Du intuitiv fahren. Und Du musst vorher die Landkarte studieren. Und natürlich ist die Landschaft gigantisch – die Seealpen. Das sind total verlassene Täler und wir sind an sehr kleinen verlassenen Campingplätzen und fahren ins Nirgendwo über verschiedene Pässe. Das ist auch mit vielen Tragepassagen verbunden.

Und insgesamt sind es ja nur 70 Teilnehmer, mit denen Du sieben Tage verbringst, das ist natürlich sehr intensiv. Und ich lerne da immer die witzigsten Leute kennen. Zum krönenden Abschluss springen wir alle nach der letzten Stage gemeinsam ins Meer.

Ich muss mehr ans Limit gehen

OR: Bei der Trans Provence hattest Du ein bisschen Pech, bist trotzdem Zweite geworden, was sind die Stärken von Ines Thoma?

(Denkt etwas nach) Ja wie gesagt, ich bin ein absolutes Wettbewerbstier. Und ich bin recht hart im Nehmen. Ich kann schon einstecken. In der Provence bin ich ziemlich auf den Kopf gestürzt und ich hab mir den Bremshebel abgebrochen und hatte einen Plattfuss. Das ist meine Stärke, denke ich, so dieser Kampfgeist. Ja und Schwächen gibt es auch viele…

OR: Wirklich?!

Ja, fahrtechnisch habe ich Nachholbedarf. Ich komme aus dem Cross-Country und hab in jungen Jahren eben sehr viel Ausdauer gemacht. Stimmt, das ist ja eigentlich auch meine Stärke, die Ausdauer. Somit komme ich auf den langen Stages besser zurecht. Große Sprünge, ballern, am Limit und voll Gas fahren, den Kopf ausschalten, das sind so die Schwächen. Da ist oft noch zu viel Kopf dabei.

OR: Das kann ja auch ein Vorteil sein…

…genau. Ich fahre relativ konstant und stürze auch nicht zu oft. Aber mittlerweile ist das Niveau bei der EWS so hoch, dass Du eigentlich mehr ans Limit gehen müsstest, um wirklich konstant auf’s Podium zu fahren.

OR: Dann sind wir ja automatisch bei Deinen Zielen. Heißt das Ziel für Ines Thoma dann am Limit fahren – oder  einfach noch besser zu werden?

Wahrscheinlich wäre es das Beste, besser zu werden, dass ich in meiner Komfortzone schneller fahren kann. Dann will ich meine Downhill-Skills verbessern und grundsätzlich ist das Podium immer so mein Ziel. Da habe ich letztens bei der EWS so eine Aufstellung gesehen: Ich bin jetzt 26 EWS-Renen gefahren, jedes Rennen, das es gab und insgesamt war ich, glaube ich, sechsmal vierte und achtmal fünfte. Ich bin die Rekordjägerin, wenn es drum geht, knapp am Podium vorbeizufahren. Im letzten Jahr war ich einmal am Podium und das war so geil! Das ist schon was ganz anderes dritte zu werden und nicht vierte!

Enduro World Series Vorstellung der Fahrer: Ines Thoma von hinten

Fahrer-Vorstellung in Wicklow, Ireland (Pic Matt Wragg). Ines Thoma sticht raus aus der Masse.

OR: Was ist die beste Enduro-Strecke?

Auf der Trans Provens gibt es eine Strecke die heißt Grey Earth. Das ist mitten in den Seealpen. Der Ort heißt Valberg. Da gibt es ganz extreme Freeride-Lines aus grauem, ausgewaschenem Sandstein. Dort kann man sich die Linien frei wählen. Das ist klasse.

OR: Frei von Enduro-Stress, wo fährt Ines Thoma am liebsten hin?

Ins Vinschgau. Das ist mein Lieblingsressort. Latsch ist super! Inzwischen haben es natürlich schon viele für sich entdeckt. Vor ein paar Jahren war es noch ein bisschen ruhiger. Aber das ist ja immer die Crux. Man will Toptrails, perfekte Infrastruktur und sonst will man niemanden da haben. Das gibt natürlich keinen Sinn…aber von den Strecken und vom Flair finde ich es spitze!

OR: Danke Ines Thoma und viel Glück mit dem Podium bei den nächsten Rennen!

Mit Ines Thoma biken gehen? Da haben diesmal alle Frauen Glück, denn wenn alles passt, ist sie auch nächstes Jahr (2017) wieder beim Women’s Bike Camp dabei.

Ines Thoma ist im Canyon Factory Enduro Team, ihre Homepage findet ihr hier.  Sie fährt für Mavic, Ergon, Clif Bar, GoPro, Ion, e*thirteen, muc-off, Renthal,Rock-Shox, Seven Protection, Sram, Topeak, Urge, Rapunzel, Smith und die Sportschule Puch.


About the author Claudia Klingelhöfer rotate

träumt auch im Sommer manchmal von der perfekten Powderabfahrt, hat aber auch nichts gegen einen flowigen MTB-Trail und einen Sonnenuntergang mit Bergblick.

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