Freeride-Profi in Rente: Janette Hargin…surf all day?

Janette Hargin ist wohl so, wie man sich allgemein eine Schwedin vorstellt – offen, gut gelaunt und irgendwie ein wenig verrückt! Verrückt??? Ja, verrückt!
Mit fast 30 Jahren beendet Janette Hargin ihre Karriere als Profi-Skifahrerin. Ade Weltcup-Zirkus, Schluss mit der Reiterei…doch wer dachte, Janette Hargin lässt es danach ruhiger angehen, der hatte sich getäuscht. Frei nach dem Motto: Je oller, desto doller, startet sie als Profi-Freeriderin noch einmal voll durch. Und ausgerechnet auf dem Höhepunkt ihrer Freeride-Karriere hängt Janette Hargin 2012 ihre Bretter – wieder – an den Nagel…verrückt oder?
Outdoorrunde-Autorin Theresa Greim hat Janette Hargin beim Surfen in Sri Lanka getroffen.

„Am Anfang haben meine Eltern nur den Kopf geschüttelt“

 

OR: Im Grunde hast Du zweimal Deine Karriere als Profi beendet. Zuerst 2007 als alpine Skifahrerin. Wie schwer war es damals aufzuhören?

Es war nicht schwer mit der Alpin-Ski-Karriere aufzuhören. Ich war fast 30 und plötzlich dachte ich über andere Themen nach, wie zum Beispiel „Was mache ich nach dem Ski fahren, ich brauche ein Karriere und so weiter“. Aber nach kurzer Zeit habe ich gemerkt, dass ich das nicht kann, von 8:00-16:00 Uhr zu arbeiten, sondern dass ich zurück in die Berge will und dann bin ich eben zurückgekehrt und hab mein Glück 2009 auf der Freeride-World-Tour versucht.

Janette Hargin Collage

OR: Wie war der Neustart als Freeriderin?

Es war eine neue Welt für mich. Du hast kein Sicherheitsnetz, es gibt keine präparierten Pisten. Am Anfang bin ich immer voll mit Highspeed gefahren, daran war ich schliesslich gewöhnt. Meine ersten Rennen waren ziemlich schlimm und halsbrecherisch. Die Leute haben gesagt, „Oh Gott Janette, was tust du denn da?“ Aber ich habe Glück gehabt und es ist nichts passiert.

OR: Du warst von Anfang an mit dabei, als die Profi-Freeride-Szene richtig groß geworden ist. Du hast 2011 die Freeride-World-Tour gewonnen. War das der Anlass, bei dem Du entschieden hast, ganz aufzuhören?

 Ja – mein Ziel war es, die Freeride-World-Tour zu gewinnen. Das habe ich geschafft und damit war ich zufrieden. Ausserdem hatte ich Probleme mit dem Rücken bekommen und wusste, dass ich in der nächsten Saison nicht mehr vorne mitfahren kann. Und nach der Saison habe ich gemerkt, dass ich mich nicht mehr so motivieren kann, um die ganze Saison über auf konstant hohem Niveau mitzuhalten. Und dafür ist nun mal die volle Motivation nötig.

OR: Was hat sich verändert? Was vermisst Du am meisten?

Ja, es gibt eine Sache, die ich wirklich vermisse an meiner Profikarriere: wenn du ein bestimmtes Ziel verfolgst, nämlich genau an einem bestimmten Tag in diesem einen Lauf auf den Punkt Leistung zu bringen und du spürst danach das Adrenalin und die Befriedigung – dann fühlst du dich einfach unglaublich gut. Das ist einfach unschlagbar. Und was bei diesen Wettkämpfen noch hinzu kommt: Wenn du ein Rennen gefahren bist, analysierst du es und dann kannst du es abschliessen. Danach steht das nächste Rennen an, du hast ein neues Ziel vor dir, gehst mit neuer Motivation da ran und startest von vorne.

OR: Gibt es etwas, bei dem Du sagst, ich bin  froh, dass es vorbei ist?

Ich glaube, was ich so gar nicht vermisse, ist das Gefühl, oben am Start zu stehen und diesen großen Druck spüren. Du musst Leistung bringen, weißt aber nicht genau wie der Schnee reagiert. Dieses Gefühl, nicht zu wissen ob du dich freuen sollst oder ob du dich übergeben musst – ich bin sehr froh, dass das vorbei ist. Es ist einerseits lustig aber auch obskur, dass das schlimmste Gefühl und das Gefühl das ich vermisse, so nah beieinander liegen.

OR: Deine beiden jüngeren Geschwister sind auch beide Ski-Profis. Mattias hat erst vergangenen Winter im Slalom in Kitzbühel sein erstes Weltcuprennen gewonnen und fährt natürlich soweit das geht auch ein bisschen Freeride. Christine hat genau wie Du zunächst eine Alpin- und danach auch eine Freeride-Karriere gestartet. Sie hat dann 2012, ein Jahr nach dir, die Freeride-World-Tour gewonnen. Kannst Du Deinen „kleinen“ Geschwistern überhaupt noch Tipps geben?

Ja. Mit Christine bin ich ja zeitgleich Alpinski und dann Freeride gefahren. Ich gebe Ihnen schon Tipps. Vor allem der Freundin von Mattias helfe ich, sie ist auch Freeriderin. Ich kann ihr sagen, wie die Berge sind und wie sich der Schnee anfühlt und reagieren wird. Also, Du siehst, meine ganze Familie steckt da drin. Meine Eltern haben sich mittlerweile auch damit abgefunden. Am Anfang haben sie nur den Kopf geschüttelt und gefragt: Warum machen alle drei diesen Sport?

OR: Hast Du noch Kontakt zu Deinen Freeride-Kollegen von der Tour?

Klar. Das ist immer wieder wirklich schön die ehemaligen Kollegen alle zu sehen. Wir waren ja fast das ganze Jahr zusammen auf Tour. Es ist ja nur eine vergleichsweise kleine Gemeinschaft. Und wenn wir uns wieder begegnen, ist es, als wäre die Zeit stehengeblieben.

„Ich suche mir nicht mehr die höchste Klippe zum Springen aus“

Janette Hargin Po(w)der-Frau

 

OR: Wie hat sich der Fahrstil von Janette Hargin der Profifahrerin zu Janette Hargin der Freeride-Rentnerin verändert?

Wenn ich jetzt Ski fahren gehe, versuche ich immer noch ans Limit zu gehen. Aber nicht ausschliesslich. Es geht jetzt auch mehr darum, neues Terrain zu erschliessen. Und ich kann die Berge mehr geniessen. Ich suche mir nicht mehr die höchste Klippe zum Springen aus, sondern nur noch, sagen wir – Medium-Size.

OR: Du bist weiterhin viel in den Bergen unterwegs – immer noch beruflich, aber anders. Erzähl doch mal, wie Dein Berufsalltag jetzt aussieht

Ich arbeite in einer Eventagentur für Outdoorevents in Norwegen. Wir organisieren zwei Alpin-Marathons und Bike-Touren im Sommer und zwei Skitouren-Events im Winter. Ich arbeite unter anderem die Routen aus und bin dafür viel in den Bergen unterwegs. Außerdem oganisiere ich den ganzen Ablauf. Es ist auch, genau wie bei meiner Sportlerkarriere, projektbezogen. Das heißt: alles muss genau getimed sein und auf den Punkt funktionieren. Ich habe das Gefühl, diese Arbeit wurde für mich gemacht. Es ist der perfekte Job.

OR: Das klingt ziemlich gut für einen „normalen“ Job. Und wenn Du nicht gerade arbeitest?

Ach ja, da ist natürlich noch eine Sache, die anders ist: Seitdem ich nicht mehr Profi bin, habe ich mehr Zeit für neue Hobbies. Outdoor – ist doch klar. Und das Surfen hier in Sri Lanka mit Bikini am Palmenstrand hat auch ziemlich viel für sich. (lacht) Es muss ja nicht immer nur in die Berge gehen.

OR: Stimmt. Und so ein Interview am Strand zu führen, ist auch etwas, woran ich mich schnell gewöhnen könnte. Danke Janette Hargin für Deine Zeit.

 

Janette Hargin

In den Bergen ist Janette Hargin nicht gerade aufgewachsen, eher im Flachland. Genauer gesagt, in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Doch ein richtiges Stadtkind war Janette Hargin nie, schon früh zog es sie in die Berge. Auch nach ihrer Sportlerkarriere ist Janette Hargin die meiste Zeit in der Natur unterwegs. Für eine norwegische Outdoor-Eventagentur ist sie maßgeblich für die Organisation von Skitouren mitverantwortlich. Janett Hargin hat noch zwei jüngere Geschwister, Mattias und Christine. Beide sind ebenfalls Freeride-Profis geworden.

Sportliche Karriere

Ihr Debüt im Ski-Weltcup gab Janette Hargin 1998. Ihren einzigen Podestplatz feierte sie 2002 im schwedischen Are, wo sie in der Kombination auf den zweiten Rang fuhr. Janette Hargin nahm an zwei Olympischen Spielen und drei Weltmeisterschaften teil. 2007 beendete sie dann ihre Karriere als Skirennläuferin. Als Profi-Freeriderin konnte Janette Hargin 2011 die Freeride-World-Tour gewinnen, anschließend hängte sie ihre Bretter an den Nagel.

 

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