Man nehme zwei Schnüre, verknote sie gekonnt und fertig ist der Keen Uneek. Vor zwei Jahren hat Keen den „Kordelschuh“ auf den Markt gebracht und die Schuhwelt ins Staunen versetzt. Seitdem hat der Schuh schon mehrere Preise gewonnen. Erfinder des Keen Uneek ist Rory Fuerst Jr., der Sohn eines Keen-Firmengründers. Doch wer ist eigentlich dieser geniale Schuh-Entwickler? Was hat ihn inspiriert?

 

Keen Uneek Rory Fuerst Jr

Seit tausenden Jahren tragen wir Menschen Schuhe, warum hast Du daran geglaubt, dass ausgerechnet Du jetzt einen neuen Schuh entwickeln kannst?

Nur weil man etwas “immer so gemacht” hat, heißt das ja noch lange nicht, dass es der einzig richtige Weg ist. Als ich damit anfing den Schuh zu entwickeln, wurde ich gerade das erste Mal Vater und war fasziniert davon, wie meine Tochter damit anfing, die Welt zu entdecken. Für ein Kleinkind ist wirklich alles neu und ein Kleinkind löst alle alltäglichen Probleme, die sich ihm stellen, auf eine sehr ehrliche, einfache Weise. Ihr naives Denken ist von nichts und niemandem beeinflusst, kein Hintergrundwissen steuert ihre Entscheidungen. Jeden Tag sind Kinder unglaublich kreativ. So funktionieren sie. Das bringt sie erfolgreich durch die Zeit mit der steilsten Lernkurve ihres Lebens. Das Leben ist in jedem Fall komplizierter, als einen Schuh zu entwickeln und mit diesem Mindset sind wir an das Projekt Keen Uneek herangegangen und als wir die Grundidee so manifestiert hatten, mussten wir nur noch unser Wissen aus dem Schuhdesign einbringen und der Rest ist Geschichte.

Einen Schuh aus ein paar langen Schnürsenkeln kreieren, dass kann doch nicht so schwer sein

 

Hattest Du eine Art Rolemodel oder eine besondere Inspiration für den Keen Uneek?

Für den Uneek hatte ich das Glück mit einem fantastischen Team zusammenzuarbeiten. Die Menschen in meinem Team waren meine Mentoren. Inspiriert dagegen hat mich meine Tochter. Während ich an dem Schuh arbeitete, habe ich sie aufwachsen sehen und sah wie sie jeden Tag die Welt neu entdeckte. Ich erinnere mich daran, dass ich oft dachte “Schau sie dir an, wie sie jeden Tag so viele neue Dinge lernt, muss sprechen lernen und laufen, und du musst nur einen Schuh aus ein paar langen Schnürsenkeln kreieren, das kann ja nicht so schwer sein”.

Was ist so besonders an Deiner Erfindung, dem Keen Uneek?

Für mich persönlich ist es der Entwicklungsprozess. Ich liebe nichts mehr, als Produkte zu entwickeln. Eine Herausforderung anzunehmen, sich selbst ans kreative Limit zu bringen und Dinge neu zu erschaffen. Mir gibt es wahnsinnig viel mit einem guten Team, das gleichermaßen engagiert und begeistert ist wie man selbst, schwierige Aufgaben zu meistern. Das Beste am Keen Uneek war für mich, mit so vielen großartigen Leuten zusammenzuarbeiten und natürlich was dann dabei herausgekommen ist. Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich sehe, was die Leute für ein Gesicht machen, wenn sie den Keen Uneek das erste Mal sehen.

Die Zeit war mit die Beste meines Arbeitslebens

 

Erzähl uns doch Mal vom Erfindungsprozess, hast Du in dieser Zeit gut geschlafen?

Diese Zeit war eine große Herausforderung und eine Zeit mit sehr wenig Schlaf. Zuerst habe ich die Probleme, die ich sah, theoretisch gelöst und dann habe ich meine Ideen an die Designer und Entwickler weiter gegeben. Manchmal lag ich dann abends im Bett und habe gegrübelt, ob wir wohl die richtige Entscheidung getroffen haben und wie diese Entscheidung sich auf weitere mögliche Probleme in der Zukunft auswirken werden. Tja, und zum Schluss hechelt man dann doch immer der Deadline hinterher. Die Zeit war wirklich anstrengend, aber irgendwann lebt man nur noch dafür. Es gibt kein Zurück mehr, das ist ein wahnsinnig gutes Gefühl, irgendwie fühlt man sich völlig frei. Wenn ich mich heute zurückerinnere, muss ich zugeben, dass diese Zeit mit die Beste meines Arbeitslebens war. Ich habe so viel gelernt, technisch gesehen natürlich, aber auch über mich selbst. So gut, dass ich jetzt schon wieder nach der nächsten Herausforderung für mich suche. Es ist einerseits beängstigend, sich vorzustellen dass man immer auf der Suche sein wird, nach Problemen, die einen wahnsinnig werden lassen, aber auf der anderen Seite ist es gerade das, was uns immer wieder dazu bringt, den eigenen Horizont in Sachen Innovation zu erweitern. Das ist es, was Keen ausmacht.

Die Entwicklung des Keen Uneek hat drei Jahre gedauert, was waren die schwierigsten Hürden?

Die größte Hürde war es, unsere ursprüngliche Idee in einen tatsächlich tragbaren Schuh umzusetzen: Etwas aus Schnüren herzustellen, die Schnüre richtig anzuordnen und das Ganze noch so, dass der fertige Schuh gut aussieht. Nachdem wir uns dann auf einen Look festgelegt hatten, mit dem wir alle zufrieden waren und die ersten Prototypen entstanden sind, war der nächste Schritt die Herstellung so zu gestalten, dass sie automatisierbar wird, so dass wir in die Massenproduktion gehen konnten. Danach ging es nur noch darum, einen Hersteller zu finden, der Lust darauf hatte, mit uns auf diese Reise ins Unbekannte zu gehen. Die meisten großen Schuhfabriken wollten so etwas völlig Neues nicht riskieren, aber letztendlich haben wir einen sehr guten Hersteller gefunden, der von der Idee genauso begeistert war wie wir. Eine andere große Herausforderung für mich war es, mit den unterschiedlichen Meinungen der Leute den Schuh betreffend, umzugehen. Die meisten Menschen sind Gewohnheitstiere, alles Neue ist ihnen erst mal suspekt. Es gab so viele Leute, die entweder am Produkt oder dem Team gezweifelt haben. Das war wahrscheinlich der schwierigste Teil. Wir erzählen den Leuten etwas komplett Unlogisches und erwarten, dass sie es verstehen. Letztendlich kann man keinem Menschen vorschreiben, was er oder sie glauben soll, man muss ihnen einfach beweisen, dass es geht.

Für welche Outdoor-Aktivitäten eignet sich der Keen Uneek?

Wir wollten einen Schuh, mit dem man überall zurechtkommt. Der Keen Uneek wurde von uns im Wasser, an Land, in der Stadt und allem dazwischen getestet. Er hat überall funktioniert – mit Ausnahme von extrem kaltem Klima oder extrem technischen Situationen, wie z.B. beim Felsklettern. Das erste Paar Uneeks das ich besessen habe, habe ich ein ganzes Jahr beinahe täglich getragen. Ich trug ihn den ganzen Winter in Portland, Oregon, wo es sehr oft regnet und es sehr kalt wird. An manchen Tagen musste ich meine wasserfesten Socken darunter anziehen, aber das war auch schon alles. Ich wollte herausfinden wo der Schuh funktioniert und wo nicht. Ich habe aber nur wenige Situationen und Orte gefunden, wo er unpassend gewesen wäre.

Wenn Du in Produktlebenszyklen denkst, gibt es dann einen Unterschied zwischen Keen und den anderen Firmen?

Was mich am Meisten beschäftigt, ist die Haltbarkeit eines Produktes. Es gibt heutzutage so viele Dinge, die einfach keine hohe Lebensdauer haben. Das nervt mich ungemein. Je länger eine Sache hält, desto weniger Müll gibt es in der Welt. Keen ist stolz darauf, für Haltbarkeit zu stehen. Ich freue mich jedes Mal, wenn mir Kunden erzählen, dass sie ihre Schuhe seit fünf, sieben oder sogar zehn Jahren haben und dass die Schuhe immer noch halten und ihnen immer noch gefallen. Daher stand auch für den Uneek  immer die Frage im Raum, wie gut die Haltbarkeit sein würde. Wir hatten zwar Daten aus den Tests, die darauf hindeuteten, dass die Haltbarkeit auch beim Keen Uneek besonders gut ist, aber ich wollte mich nicht nur darauf verlassen, sondern meinen eigenen Testbeweis erbringen. Ich trage das Paar Uneeks jetzt seit über zweieinhalb Jahren und sie halten weiterhin allen Lebenssituationen stand. Ich habe vor, das Paar so lange zu tragen, bis es nicht mehr geht. Ich sag Bescheid, wenn es so weit ist, aber ich glaube, du wirst noch eine ganze Weil nichts von mir hören….

Eine Sohle und zwei Kordeln – In Japan und den USA ist der Keen Uneek bereits eine Erfolgsstory. Was macht den Keen Uneek so erfolgreich?

Der Schuh ist einfach anders wie alle anderen Schuhe und ist obendrein funktionell. Obwohl die Silhouette des Schuhs äußerst unkonventionell ist, spricht er Leute mit Stilbewusstsein an und zieht Aufmerksamkeit auf sich. Neben seines speziellen Looks, haben wir extrem viel Zeit investiert, um ihn auch in Sachen Lauferfahrung und Komfort erstklassig zu machen.

Warum glaubst Du, wird der Keen Uneek auch in Europa ein Erfolg?

Europa ist so ein faszinierender Ort mit so vielen und unterschiedlichen Einflüssen für einen Designer. Kein Land ist wie das andere und es gibt riesige Unterschiede, was Leute cool oder stylish finden, aber der Anspruch an Qualität und Komfort ist überall der Gleiche. Darum sind Style aber auch Funktionalität so wichtig und darum hat der Keen Uneek so ein großes Potential in Europa.

Hast Du bereits Ideen für einen neuen Schuh, oder geht es eher ans Verbessern der bisherigen Modelle?

Wir arbeiten immer an Beidem: Neue Produkte entwickeln und bestehende Bestseller zu verbessern. Im Moment steht die nächste Generation des Keen Uneek im Fokus. Wir haben gerade ein extrem cooles Projekt für die Herstellungsautomatisierung abgeschlossen. Der speziell für uns hergestellte Roboter kann den Kordel-Teil des Schuhs in unter drei Minuten fertigen. Das Potential dieses Roboters ist aus vielen Gesichtspunkten immens. Wir arbeiten außerdem an vielen Konzepten, die ähnlich sind wie der Uneek, was den Einfluss auf den Markt und die Funktionalität für den Verbraucher betrifft. Leider kann ich dazu noch nicht viel veröffentlichen, außer dass ich euch versprechen kann, dass sie auch sehr interessant sein werden und ihr euch schon mal freuen könnt!


About the author Sven Papendick rotate

liebt technische Trails, gute Outdoorausrüstung und Skandinavien. Sein Hilleberg hat ihn noch nie im Stich gelassen.

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