Mountainbike-Tour auf Eis und Schnee – Mit dem Fatbike durch Grönland entlang des Arctic Circle Trails…Fabian Mooser und Claude Balsinger würde man umgangssprachlich als „verrückte Hunde“ bezeichnen. Doch der Walliser Bergführer und der Geschäftsführer von Allegra-Tourismus haben Erfahrung mit solchen Abenteuern. Claude Balsiger durchfuhr mit seinem Bike bereits den indischen Teil des Himalaya im Winter und als Bergführer ist Fabian Mooser andere Extreme gewohnt.  Zudem haben beide zusammen mit dem Bike schon einiges erlebt. So bestiegen sie mit ihren Bikes das Bishorn (4153m) und fuhren anschließend über den Gletscher wieder hinab. Den 170 Kilometer langen Arctic Circle Trail bezwangen Claude und Fabian in vier Tagen. Startpunkt: Kangerlussuaq, Zielort: Sisimiut

Ein Projektstart mit Hindernissen

Die Vorbereitung eures Abenteuers stand jetzt nicht gerade unter einem günstigen Stern. Claude, du hast dich einen Monat vor eurem Grönland-Projekt schwer verletzt. Hast du überhaupt dran geglaubt, dass Du die vier Tage durchs ewige Eis schaffen kannst?

Claude Balsiger: Ich war ziemlich entspannt. Klar, das war ein Schock, als mir die Ärztin nach dem Röntgen sagte, dass ich mir eine Syndesmose-Ruptur zugezogen hätte und dass ich sechs Wochen einen Gips tragen müsse. Meine erste Frage war dann, ob auch vier Wochen Gips reichen würden? Gott sei Dank konnte ich mit ihr verhandeln und so begann ich mein Training an den Gips anzupassen…auf Expeditionen ist Improvisationstalent eh wichtiger als Fitness und der Wille ist wichtiger als die Technik. Das gilt auch für die Vorbereitung. Zudem wusste ich ja, dass ich mit Fabian einen Partner habe, dem ich zu 100% vertrauen konnte. Und mal ganz ehrlich: Selbst wenn ich in Grönland keinen Meter hätte fahren können, dann hätte ich Fabian vom Hundeschlitten aus unterstützt und für gute Stimmung gesorgt.
Fabian Mooser: Ich kenne Claude schon sehr lange. Ich war mir von Anfang an sicher, dass er für unser Projekt fit genug ist. Der Zeitpunkt der Verletzung war sicherlich unglücklich. Entscheidend für mich war aber das O.K. der Ärzte.

Auf Expeditionen ist Improvisationstalent eh wichtiger als Fitness und Wille wichtiger als Technik

 

Den Arctic Circle Trail im Winter zu befahren ist jetzt ein Projekt, dass nicht gerade alltäglich ist…wann ist euch die Idee dazu gekommen?

Fabian Mooser: Claude hatte die Idee einmal bei einem gemeinsamen Biketag in der Region Leukerbad. Es ist auf seinem Mist gewachsen!!!! (lacht)
Claude Balsiger: Ich bin seit 2007 aktiv auf der ganzen Welt auf MTB-Expeditionen unterwegs. 2012 und 2013 hatten wir probiert den Himalaya im Winter auf einem gefrorenen Fluss zu durchqueren. Damals entwickelte ich eine Liebe für den Winter und das Element Eis. Als wir auf Grönland als Expeditionsland kamen, war für mich sofort klar, dass uns der Winter und das Eis helfen würden, denn im Sommer herrschen da nur Sumpf und die ultimative Mückenplage!

Eis, Schnee und Temperaturen um -20 Grad

Die klimatischen Verhältniss auf Grönland findet man in Europa nicht vor…wie sah eure Vorbereitung aus, gerade im Hinblick auf die Kälte, die sich schlecht simulieren lässt?

Claude Balsiger: Wir kannten die Kälte schon sehr gut von unserer Winterdurchquerung durch den Himalaya. Klar ist, dass bis Minus 20 Grad alles ziemlich gut geht, darunter wird’s dann extrem hart. Direkt vor der Reise haben wir uns nicht auf die Kälte vorbereitet, es ist erstaunlich wie schnell der Mensch sich an extreme Bedingungen anpasst und damit zu leben lernt. In uns steckt viel mehr als wir denken, meist fehlt ganz einfach der Mut!
Fabian Mooser: Die Reise war im März. Ich bin während den Wintermonaten in Höhen zwischen 1500 m.ü.M. und 4000 m.ü.M unterwegs. Nicht selten gibt es da -20 Grad Celsius. Das grössere Problem war eher der schnelle Wechsel zwischen kalt und warm. In der Sonne und ohne Wind war’s schnell heiss und mit Wind im Schatten schnell bitter kalt.

Mountainbike-Tour auf Eis und Schnee - Mit dem Fatbike durch Grönland

Claude Balsiger und Fabian Mooser auf dem Arctic Circle Trail in Grönland / Fotocredit: @Martin Bissig

Euer „Zwiebel-Prinzip“ sah meist fünf Kleidungsschichten vor. Fängt man da nicht auch bei Minus 20 Grad an zu  schwitzen?

Fabian Mooser: Ja definitiv. Aus diesem Grund war wichtig das Tempo richtig zu wählen um den Temperaturhaushalt im Griff zu haben.
Claude Balsiger: Davor mussten wir uns enorm in Acht nehmen. Deshalb sind wir nur so schnell gefahren, dass wir nicht ins Schwitzen gekommen sind und nur so langsam gefahren, dass uns nicht kalt wurde. Beispielsweise sind die Ränder unserer Skibrillen immer durch den Schweiß nass geworden. Hast du sie dann 30 Sekunden abgesetzt, war schon alles gefroren. Und wenn du eine gefrorene Skibrille auf die Stirn setzt, dann gibt das einen herrlichen Brain-Freeze!

Nun seid Ihr Zwei erfahrene Biker…habt ihr trotz der tiefen Temperaturen, dem Schnee, der vielen Kleiderschichten usw. Euren Rhythmus beim Fahren gefunden?

Claude Balsiger: Das Fahren war eine eher meditative Sache, vergelichbar wie beim Skitourengehen. Das war ja keine MTB-Tour im klassischen Sinn mit viel Action. Im Einklang mit Natur und mit den Hunden und dem Schlitten glitten wir durch Grönland, über Schnee, Eis, Seen und Fjorde. Körperlich war es, abgesehen von der Kälte, ein machbare Aufgabe.
Fabian Mooser: Am Anfang war es nicht ganz einfach. Später haben wir aber gemerkt, dass die Geschwindigkeit des Hundeschlittens gar nicht so schlecht passt.

Also, ich habe kalte Hände und Füße bei Temperaturen um 0 Grad. Wie sieht der Schutz bei Temperaturen von unter Minus 20 Grad aus? 

Claude Balsiger: Da hilft nur ständig in Bewegung bleiben oder  Schutz suchen.
Fabian Mooser: Ich hatte meine „bulletproof“ Sorelschuhe an. Sie waren zwei Nummern grösser als normal, um noch zusätzlichen Luftraum zu bieten für’s Isolieren. Außerdem waren die grössten und wärmsten Black Diamond Daunenmids mit dabei. Alles optimales Material bei der Kälte aber natürlich war die Kraftübertragung der viel zu grossen Sorelschuhe auf die Pedale nicht kraftsparend. Material auf das man sich verlassen kann, ist sehr wichtig.
Claude Balsiger: Material ist schon wichtig, aber nicht das Wichtigste. Menschen und ihr Wille sind das entscheidende. Jens-Erik war mit Wollpullover und Robbenfell-Handschuhen unterwegs, der brauchte keine Techi-Nerdi-Superausrüstung.

Ein freundlicher Riese ohne Techi-Nerdi-Ausrüstung

Claude und Fabian wurden auf Ihrer Tour von Jens-Erik begleitet, einem Einheimischen mit Schuhgröße 54. Jens-Erik kennt die Gegend in- und auswendig. Mit seinen 16 Schlittenhunden fährt er die Strecke mehrmals im Jahr ab. Das Projekt „Mountainbike-Tour auf Eis und Schnee – Mit dem Fatbike durch Grönland“ von Claude und Fabian unterstützte Jens-Erik, indem er die Beiden begleitete und ihr Gepäck transportierte. 

Guide Jens Erik und Claude Balsiger @Martin Bissig

Größenvergleich…Guide Jens Erik und Claude Balsiger / Fotocredit: @Martin Bissig

Ich bin dankbar, das mich das Mountainbiking immer wieder an solche eindrücklichen Orte bringt

 

Ihr hattet mit Jens-Erik einen Guide dabei, der Eure Ausrüstung mit dem Schlitten transportiert hat. Wäre das Projekt auch ohne ihn möglich gewesen?

Claude Balsiger: Es wäre ein anderes Abenteuer geworden – vielleicht auch möglich, aber bestimmt nicht so gut.
Fabian Mooser: Möglich sicher. Die Momente mit den Hunden und unserem Guide machten die Reise aber sehr speziell. Zudem erhielten wir sehr viel Insiderinformationen von ihm.

Und wie habt ihr es dann mit den Pausen gemacht?

Fabian Mooser: Wir haben unsere Pausen während den Etappen immer kurz gehalten. Zehn Minuten plus minus und das jede Stunde. Mittags war der Plan in den wenigen Hütten unterwegs Pause zu machen. Die Hüttenpausen gingen ca. eine Stunde.
Claude Balsiger: Ja, und zwischendurch haben wir immer einmal einen Tee getrunken. Im Windschatten bei Sonnenschein ist das alles gar nicht so schlimm.

…und weil euch abends langweilig war, habt ihr dann noch groß aufgekocht? 

Fabian Mooser: (lacht) Abends wurden wir bekocht. Jens-Erik hat uns ein Nachtessen zubereitet. Ansonsten gab es immer Fertigmahlzeiten.
Claude Balsiger: Wir hatten Katadyn Trockenmahlzeiten dabei um Gewicht zu sparen. Die sind ziemlich lecker und unkompliziert.

Zwei Berge und sonst…endlose Weite

Grönland und seine Polarlichter @Martin Bissig

Polarlichter auf Grönland / Fotocredit: @Martin Bissig

Angesichts der enormen Kälte und der eher menschenfeindlichen Umgebung…habt Ihr auf der Reise überhaupt Spaß gehabt oder war das nur Quälerei?

Claude Balsiger: Diese Reise war bestimmt keine Quälerei! Hey, das war Grönland, einer der magisten Orte der Welt. Ich bin dankbar, dass mich das Mountainbiking immer wieder an solche eindrücklichen Orte bringt. Ein Mal im Leben das grönländische Inlandeis zu sehen, diese weissen Weiten, mit einem Schlittenhundgespann und einem Einheimischen unterwegs zu sein, das alles ist Spass pur.
Fabian Mooser: Da stimme ich Fabian voll und ganz zu…Quälerei sieht ganz anders aus. Es war genau die richtige Mischung.

Ich fahre jedes Jahr um die 120 Tage Ski. Die ganze Szenerie ist also nix Neues für mich.

 

Spass pur…das müsst ihr mir mal erklären. Wenn man acht Stunden pro Tag auf dem Bike sitzt und alles um einen herum ist weiß…das ist doch monoton und langweilig…

Claude Balsiger: Nicht im geringsten. Erst wenn alles weiss und gleich ist, erkennt man, wie viele feine Farbschattierungen es überhaupt zu sehen gibt. Violette Felsformationen, grüne Nordlichter, ein Himmel mit dutzenden Schattierungen von Blau. Und schlussendlich war das ja keine Solo-Expedition, sondern eine Team-Leistung mit Fabian, der immer für beste Walliser-Unterhaltung sorgt!
Fabian Mooser: (lacht) Ich fahre jedes Jahr um die 120 Tage Ski. Die ganze Szenerie ist also nix Neues für mich. Wir hatten zudem gutes Wetter, also immerhin die Hälfte war blau.

Welche Faszination hat Grönland auf Euch ausgeübt, vor und während der Reise? 

Fabian Mooser: Vor der Reise sicherlich die Ungewissheit wie es vor Ort aussieht: Deckt sich das Ist mit dem Erwarteten? Während der Reise die unglaubliche Weite, welche besonders auffällt, wenn man sich wirklich einmal ein paar hundert Meter von den Freunden entfernt.
Claude Balsiger: Grönland war schon immer ein Kindheitstraum von mir. Exotische, extreme Ort haben mich seit je her angezogen, ich habe einfach den Drang mehr zu sehen, mehr zu entdecken, als uns so offensichtlich vor den Füßen liegt in Europa. Während der Reise erfüllte Grönland dann jeden Wunsch: Nordlichter, eindrückliche Eismassen, weiße Weiten, menschenleere Ebenen und warmherzige und humorvolle Menschen.

Weiß soweit das Auge reicht @Martin Bissig

Endlose Weiten…der Arctic Circle Trail auf Grönland / Fotocredit: @Martin Bissig

Ihr hattet zwei größere Anstiege auf der Tour (an einem Tag waren es 400 Höhenmeter, am anderen 600 Höhenmeter), wie viele Höhenmeter wären das bei uns in den Alpen?

Fabian Mooser: Das ist schwierig zu sagen. Die Ausrüstung und das Klima machen die Höhenmeter sicher nicht einfacher. Jedoch hatten wir den ganzen Tag Zeit und nix anderes zu tun. Wir konnten uns also Zeit lassen und hatten keinen Stress! Ein Hubschrauber hat bei niedrigen Temperaturen mehr Leistung. Vielleicht wäre die Messung der Luftzufuhr in unsere Lungen ein Anstoss für eine nächste wissenschaftliche Studie. Auf den Punkt gebracht: Es gibt viele Einflüsse die einen Vergleich Höhenmeter Grönland und Höhenmeter Alpen schwer machen.
Claude Balsiger: Hm, schwierige Frage..weiss nicht. Stell dir einfach vor, du musst eine 600 Meter hohe Sanddüne hoch. Am besten mit dem Bike…

In Grönland gibt es noch so viel zu entdecken, mit den Ski, zu Fuß oder dem Bike

 

Gab es für Euch einen Moment, wo Ihr gesagt habt, unmöglich, wir brechen ab?

Claude Balsiger: Nein, auf dieser Expedition bin ich nicht so an meine Grenzen gekommen und Fabian war auch immer eine gute Stütze. Wenn man sich gut versteht, kann man sich auch aufeinander verlassen, wenn es mal nicht so läuft. Insgesamt waren wir nur zehn Tage unterwegs. Bei der Himalaya-Winterdurchquerung waren wir einen Monat unterwegs, das hat massiv mehr an der Substanz gezehrt.
Fabian Mooser: Zu keinem Zeitpunkt habe ich ans Abbrechen gedacht. Es war insgesamt ein Abenteuer mit der richtigen Mischung.

Die Frage ist zwar abgedroschen, aber ich stelle sie trotzdem…gab es den perfekten Moment auf der Tour? 

Fabian Mooser: Sicherlich der Moment als wir das Ziel Sisimiut erreicht haben.
Claude Balsiger: Die besten Momente waren bestimmt mit Jens-Erik und Fabian. Als das Eis zwischen Jens-Erik und uns beiden etwas getaut ist, wurde es richtig lustig. Ich meine der Mann war ja ein Hüne von über 2 Metern und massig wie ein Eisbär. Dennoch zeigte er sich als sehr sensibler Mensch, der sich viele Sorgen um die Zukunft seiner Heimat und seines Volkes macht.

Mountainbike-Tour auf Eis und Schnee – Mit dem Fatbike durch Grönland…und jetzt?

Könntet ihr euch vorstellen noch einmal nach Grönland zurückzukommen?

Claude Balsiger: Ganz bestimmt. In Grönland gibt es noch so viel zu entdecken, mit den Ski, zu Fuß oder dem Bike. Das Inlandeis müsste noch mit den Bike überquert werden…
Fabian Mooser: Ja,  ganz bestimmt.

Immer im Blick...Claude Balsiger und Fabian Mooser @Martin Bissig

Immer im Blick…Claude Balsiger und Fabian Mooser / Fotocredit: @Martin Bissig

Was war anstrengender Eure Bikebergsteiger-Tour auf einen 4000er oder diese Grönland-Reise?

Claude Balsiger: Wahrscheinlich schon Gröndland, wobei auch der 4000er in die Beine ging. Vergleichweise waren beides einfache Touren, wenn ich an die wochenlange Himalaya-Expedition denke, die ein körperlicher und geistiger Abnutzungskampf war.
Fabian Mooser: Beide Abenteuer waren verschieden. Es ist schwierig Birnen und Äpfel zu vergleichen. Für mich war die Bikebergsteigen-Tour anstrengender. Oder waren die Eindrücke von Grönland zu überwältigend und ich habe die Anstrengung verdrängt….?

Was kommt als Nächstes für Euch?

Claude Balsiger: Als nächstes kommt ein leckerer Kaffee, denn ich war grad zwei Wochen zum Powdern in Hokkaido und da gibt’s keinen guten Kaffee…(lacht)
Fabian Mooser: Zuerst einmal Pulverschnee fahren und danach sicher ein paar eindrückliche Biketage. Es sind ein paar Ideen in der Luft aber noch nix konkretes.

Und zum Abschluss: Wer von Euch beiden wäre der bessere Grönländer?

Fabian Mooser: Claude! Er hat die Sprache besser im Griff.
Claude Balsiger: Defintiv Fabian, er mag Eisbärinnen.

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About the author Sven Papendick rotate

liebt technische Trails, gute Outdoorausrüstung und Skandinavien. Sein Hilleberg hat ihn noch nie im Stich gelassen.

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