Warum kommt man auf die Idee in Kirgisistan Mountainbiken zu gehen, wo man doch die Alpen vor der Tür hat? Mit dieser Frage im Hinterkopf treffe ich mich mit Stefan Ebert. Er hat Epic Trails gegründet und organisiert seit 2014 MTB-Reisen nach Kirgisistan und inzwischen auch nach Tadschikistan. Im Frühjahr 2016 hat Ebert noch eine Menge in Deutschland zu erledigen. Wie andere Radreiseanbieter bereitet er sich auf die Saison vor: Logistik, Versicherungen, Buchhaltung, Buchungen etc., zusätzlich erzählt er auf Vorträgen darüber, wie es ist mit dem MTB durch Kirgisistan und Tadschikistian zu reisen. Und natürlich wo Kirgisistan eigentlich ist:

Wie bist Du auf die Idee gekommen in Kirgisistan Mountainbiken zu gehen?

Ich hab bei der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) gearbeitet. Als ich mich beworben hatte, gab es zwei Stellen: Philippinen und Kirgisistan. Ich hab gegoogelt und gesehen, Kirgisistan heißt Berge, Berge, Berge und dann war relativ schnell klar, ich will nach Kirgisistan. Als ich dort von 2012 bis 2014 arbeitete, habe ich viele MTB-Touren gemacht. Die Idee Fahrradreisen zu organisieren, hatte ich schon vor einigen Jahren, als ich in Bolivien bei der Entwicklungshilfe war. In Kirgisistan traf ich dann beim Bierchen in Bischkek Artjom. Das ist mein jetziger Partner, ein Touristenguide, der auch schon die ein oder andere Radtour geführt hat. Wir sind dann mit ein paar Freunden und alten sowjetischen Militärkarten auf Tour gegangen. Die Wege sind mittlerweile aber komplett anders und viele existieren nicht mehr. Also mussten wir alles auschecken und dann war natürlich die Frage, wo sind geile Trails abseits der Schotterpisten? Als wir die gefunden hatten, habe ich mit einem Freund und meinem Vater die Strecken nochmal getestet und dann kam im August 2014 die erste Gruppe.

Aber ganz ehrlich, ich hab‘ die Alpen vor der Tür, warum soll ich rund 6000 Kilometer zum Mountainbiken nach Kirgisistan?

Auch ich bin immer noch heiß, was die Alpen angeht. Wenn man allerdings sagt, man hat die Alpen ein paar Mal überquert, es ist total schön und spektakulär. Aber es ist recht viel los, alles ist erschlossen, man ist nirgendwo der erste oder ganz allein, oder es ist zumindest immer seltener, dann ist Kirgisistan/Tadschikistan eine spannende Alternative. Wenn man zum Beispiel durch den Batang fährt, dann hat man das Gefühl, man ist komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Zwei Wochen lang nichts.

Aber kann Kirgisistan rein fahrerisch mit den Alpen mithalten?

Kirgisistan wird die Schweiz Zentralasiens genannt. Zum einen ist es die einzige Demokratie in der ganzen Region. Zum anderen hat es sehr alpine Landschaften. Und es gibt Landschaften, Täler, wo Du denkst, Du bist in den Alpen. Nichtsdestotrotz bist Du nicht in den Alpen. Der größte Unterschied sind die Entfernungen und es geht viel höher hinaus. Der Tian Shan geht hoch auf rund 7400 Meter. Berge über 4000/5000 Meter sind keine Seltenheit und du hast unglaublich viel Abwechslung in Kirgisistan. Dafür kannst du aber nicht eben mal schnell an ein bis zwei Tagen eine Rundtour machen. Das ist gleichzeitig das Spektakuläre daran: Bei Passquerungen oder in bestimmten Tälern ist man teilweise mehrere Tage unterwegs. Zelte und Verpflegung muss man alles mitnehmen, weil da einfach nichts ist und wenn man dann auch noch Trails fahren will, empfiehlt es sich, das mit einer Tour zu machen. Als Radreisender mit großem Gepäck ist man natürlich nur begrenzt offroad-tauglich.

Mountainbiken in Kirgisistan: Das ist auch eine 30-Kilometer-Trailabfahrt

Deine Touren sind also so angelegt, dass man auch als Trailfahrer seinen Spaß hat?

Ja, definitiv. Es sind acht Bikeetappen und an fünf Tagen gibt es Trailoptionen. Und da sind dann natürlich die „Epic Trails“ dabei. Tag vier ist meine Lieblingsetappe, da können wir über riesige Wiesenhügel fahren, auf denen das Gras total kurz ist, total abgefressen durch das Vieh. Darin sind dann Pferdewege, die sind fest und ausgetrampelt und du kannst es einfach laufen lassen, es gibt keine Wurzeln und keine Steine darin. Kilometerlang nur Flow. Eine Trailabfahrt ist sogar 30 Kilometer lang. Vom Pass auf 3500 Meter bis runter zum Issyk Kul See, das ist der zweitgrößte Gebirgssee der Welt. Es gibt viele gute Spots, aber man muss auch hinkommen. Deshalb starten und enden wir in Bischkek und nutzen teilweise das Auto.

In den Alpen blickst Du meist auf andere Berge, in Skandinavien gibt es diese Weite. Es klingt fast so, als ob sich hier beides verbindet?

Genau. Die Täler in den Alpen sind viel enger. Hier gibt es Hochtäler die gut 20 bis 30 Kilometer breit sind und dann stehen jeweils am Ende des Tals die 5000er und 6000er. Und man hat die Gletscher ringsherum. Das Panorama ist fantastisch, es ist also bestimmt durch eine unglaubliche Weite, die durch Berge begrenzt ist. Und dann gibt es immer wieder Orte, bspw. im Norden von Kirgisistan, bei Bischkek, da schaut man in die kasachische Steppe und findet wirklich unendliche Weite. Weite ist wirklich ein Stichwort für Kirgisistan und Tadschikistan, obwohl beide Länder total gebirgig sind.

Egal wo man die Leute trifft, ob auf dem Basar oder auf der Hochebene, sie wollen mit dir in Kontakt kommen

Über das radfahrerische und landschaftliche hinaus, was zeichnet Kirgisistan aus?

Die kirgisische Kultur hat ihre Wurzeln im Nomadentum. Man merkt auch heute noch, dass die Kirgisen sehr freiheitsliebend sind. Sie sind sehr herzlich, sehr offen, sehr gastfreundlich und unvoreingenommen. Egal wo man die Leute trifft, ob auf dem Basar oder auf der Hochebene, sie wollen mit dir in Kontakt kommen und dann wird man sehr schnell eingeladen. Das ist immer wieder schön und sehr besonders. Ich komme aus Zentralasien immer mit einem Gefühl von Herzlichkeit und menschlicher Wärme zurück. Klar, die Sprachbarriere ist ein Thema: Russisch funktioniert nach kirgisisch am besten. Während meiner zwei Jahre bei der GIZ habe ich mir ein alltagstaugliches Russisch angeeignet, das hilft schon immens weiter. Englisch wird eher selten gesprochen. Die Verständigung mit Hand und Fuß funktioniert zur Not aber auch.

Auch sonst kann ich mir vorstellen, unterscheidet sich Kirgisistan stark von Europa…

Lebensweise und Kultur sind wie vor 200 Jahren. Es gibt wenige landwirtschaftliche Maschinen, es werden zur Getreidedreschen Ochsen eingesetzt. Im Pamir haben wir ganze Dörfer gesehen, die kniend Gras mit kleinen Handsicheln ernteten. Man sieht mit welchen einfachen Mitteln die Leute auskommen, wie effektiv sie ihre Ressourcen nutzen und nichts verschwenden und wegwerfen. Es wird einfach alles genutzt. Jeder der interessiert ist an anderen Kulturen, wird eine nette, schöne und offen Kultur erleben und was ganz anderes kennenlernen.

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About the author Claudia Klingelhöfer rotate

träumt auch im Sommer manchmal von der perfekten Powderabfahrt, hat aber auch nichts gegen einen flowigen MTB-Trail und einen Sonnenuntergang mit Bergblick.

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