Raus aus der Komfortzone – rein ins Abenteuer

Mit dem VW-Bus in der Elternzeit an den Atlantik, drei Monate im Bus leben – das ist das eine. Die Jobs kündigen, die Wohnung aufgeben und dann für mindestens anderthalb Jahre mit drei Kindern nach Südamerika – das ist nochmal eine andere Nummer. Life for Five, also Tina, Daniel und ihre drei Mädels sind im Frühjahr 2017 zu genau diesem Abenteuer aufgebrochen. Ihren Wohnsitz hat die deutsche Familie in Bern in der Schweiz. Dorthin wollen sie nach der Reise auch zurück, vielleicht…

Mit drei Kindern nach Südamerika und dann noch in einem Bus. Muss das sein?

Daniel: Ui, die hat es ja schon in sich, die erste Frage. Es muss ja so vieles im Leben nicht sein und das sind meistens die Dinge, die am meisten Spaß machen. Man muss ja so viel, in der Arbeit, im Alltag. Da tut es eigentlich mal gut, was zu machen, was nicht sein muss – was eigentlich auch irrational ist, zumindest auf den ersten Blick.
Tina: Natürlich haben wir überlegt, ist es vielleicht eher die Europatour. Es wurde auch von außen an uns herangetragen ‚müsst ihr das machen?’, ‚mit den Kindern’ und ‚da kann man doch Krankheiten bekommen’ – anscheinend kann man die hier nicht bekommen. Südamerika hat uns schon immer gereizt: Menschen mit anderen Mentalitäten kennenlernen, die Natur dort erleben.
Daniel: Natürlich unterscheiden sich die Regionen innerhalb Südamerikas auch noch ungemein. Und ohne jetzt gegen die Schweiz zu sprechen: Der Gegensatz ist doch sehr groß und womöglich entspricht uns das Leben in Südamerika mehr. Die Schweiz ist sehr strukturiert, das Leben sehr reglementiert. Als ich in Chile war, habe ich die Menschen dort als sehr entspannt wahrgenommen. Und das brauchen wir mit drei Kindern –  ein entspanntes Umfeld.

Und warum muss es dann eine Reise mit den Kindern im Bus sein?

Tina: Wir sind eine Familie, die es genießt, zusammen zu sein. Für die Kinder ist der Bus zudem eine Konstante, ein bekannter Rückzugsraum.
Daniel: Unser Freiraum ist die gemeinsame Nähe, das vermissen wir auch im Alltag. Der Bus ist unsere Wohnung auf Rädern. Damit kommen wir auch viel schneller in Dorfgemeinschaften an, kommen mit Leute in Kontakt, beispielsweise, wenn wir uns nach einem Stellplatz auf Privatgrund erkundigen.
Tina: Und mit dem Bus haben wir die Freiheit, dass wir neue, selbstbestimmte Wege beschreiten können.

Wir brauchen mit drei Kindern ein entspanntes Umfeld

 

Glaubt ihr nicht, dass das Leben mit drei Kindern im Bus für euch über die Dauer zu minimalistisch ist?

Daniel: Nein, wir versuchen bereits seit einiger Zeit, unsere Sachen zu reduzieren. Als wir angefangen haben, die Reise zu planen, sind wir relativ schnell zu einer Grundsatzdiskussion gekommen.
Tina: Also ‚was brauchen wir wirklich?’, und dann weiter bis zu dem Punkt ‚warum wollen wir diese Reise machen?’ Wir sind beide Kinder aus sehr wohlhabenden Elternhäusern. Mit materiellen Dingen sind wir überhäuft worden. Was gefehlt hat, war die Zeit der arbeitenden Eltern. Wir haben nie wirklich groß die Liebe der Eltern gespürt. Dem wollen wir den Rücken kehren, so wollen wir unsere Kinder nicht aufwachsen lassen.
Daniel: Der Gedanke, was ist uns denn eigentlich etwas wert?, führt zu überraschenden Erkenntnissen. So ist eigentlich das Ziel, minimalistischer zu leben, entstanden.

Mit wenig Gepäck in eine ungewisse Zukunft

Und was soll unbedingt dabei sein? Wovon könnt ihr euch nicht trennen?

Daniel: Für mich ist es eindeutig der Computer – als Arbeitsinstrument. Bei unserer Kleidung achten wir darauf, dass es hochwertige, nachhaltige Kleidung ist. Aber unersetzlich…
Tina: Computer hatte ich auch im Kopf, kam mir nur so banal vor. Dann kommt noch die Kamera.

Tina und Daniel diskutieren lange über die Wichtigkeit verschiedener Sachen, letztlich ist da nicht mehr viel, was essentiell ist…

Tina: …unsere Bierbank ist uns wichtig! Aber die ist auch nicht unersetzbar.

 

Wie seht ihr euch eigentlich? Seid ihr Abenteurer, Aussteiger, oder wie würdet ihr euch bezeichnen?

Tina: Aussteigende Abenteurer vielleicht? Wir sind Abenteurer und vielleicht sind wir auch Komplett-Aussteiger, das wissen wir noch nicht (lacht). Wer weiß?
Daniel: Ich sehe das Ganze als Experiment an. Wir sind ‚Experimenteure’.

Das heißt, ihr reist ‚zieloffen’. Kommt ihr vielleicht gar nicht wieder?

Tina: Zumindest liegt das im Bereich des Möglichen. Uns ist es wichtig, dass unsere Kinder eine Schule besuchen, die unseren Vorstellungen entspricht. Und die gibt es hier in Bern. Wenn wir aber etwas Ähnliches entdecken, dann ist das hier definitiv ein Experiment mit offenem Ausgang. So etwas wie Home-Schooling, also das wir die Kinder auf Reisen unterrichten und nur ‚rumreisen’, kommt für uns nicht in Frage.

„Bob“ und der berühmte „Plan B“

Die Kinder selbst unterrichten, wie viele Weltenbummler das machen, ist also nichts für Tina und Daniel. Die Reise beginnt für Life for Five in Uruguay. Dort bekommt die Familie auch ihren Bus. Zunächst müssen Tina und Daniel den Bus umbauen, kinder- und reisetauglich machen.

Dafür haben sie sich einen Monat Zeit gegeben. Dann geht es über Ecuador, Peru und Bolivien nach Kolumbien. Dort wollen die Fünf im August 2017 ankommen. Schritt für Schritt soll es dann bis zum Februar 2018 nach Patagonien gehen. Im April 2018 fahren Life für Five wieder nach Uruguay, um nach Mittelamerika/Guatemala zu fliegen. Dort planen Tina, Daniel und die Kinder, in einer Weberfamilie zu leben und zu arbeiten.

Was passiert aber, wenn das alles nicht so klappt, wie geplant? Habt ihr einen Plan B?

Beide: Wir wissen, dass wir einen haben werden. Wir sind schon relativ spontane Menschen, haben aber so viel Selbstvertrauen, dass wir wissen, dass wir eine Lösung haben werden, wenn wir eine benötigen.
Daniel: Ich bin schon eher so der ‚Lass-uns-acht-Fallschirme-mitnehmen-Typ’. Tina holt mich da immer ein bisschen raus.

Ihr habt in der Vorbereitung ja trotzdem immer ein bisschen weitergedacht als normal? Glaubt ihr, ihr habt weit genug gedacht?

Daniel: Wir landen schon öfter in so Situationen, wo wir merken, das hätten wir noch anders machen können. Aber das ist eigentlich für uns in Ordnung…
Tina:… weil wir doch sehr euphorische Menschen sind, die sich für etwas begeistern lassen. Und dann beleuchten wir natürlich vorher nicht alle Seiten. Aber wir finden es nicht schlimm, wenn es dann nicht funktioniert.

Ein Reiseplan und die unglaublichen Reaktionen

Ihr habt eure Reise mit den Kindern nach Südamerika über ein Jahr lang geplant. Wie wird diese ‚Weltreise’ in eurem Umfeld wahrgenommen?

Daniel: Ich würde da trennen zwischen den Reaktionen in der Familie und bei Freunden. Bei der Familie stecken natürlich ganz andere Ängste drin, als bei Freunden. Leider ist bei fast allen Unverständnis dahinter. Es gibt einen Familienteil, der sagt, ‚ich finde es nicht gut, aber ich kommentiere es nicht’. Was eigentlich schon wieder kommentiert ist – witzigerweise. Dann gibt es einen Teil, der aggressiv reagiert und Unverständnis zeigt und das geht dann in Kritik und Aggression über. Es ist schon traurig, weil wir uns mehr Unterstützung gewünscht hätten. Damit meine ich moralische Unterstützung oder Hilfe in der Vorbereitung. Bisher sind wir da sehr allein und bekommen eher Gegenwind. Das hätte ich mir so nicht vorgestellt. Da hätten wir uns zumindest Akzeptanz gewünscht.
Tina:  Gleichzeitig hat das gezeigt, was wir allein mit drei Kindern, Reiseplanung und Jobs schaffen können. Dadurch merken wir erst, wie stark wir sind und das gibt uns für die Reise noch mehr Mut.

Als Familie können wir uns ganz intensiv kennenlernen

 

Und was sagen Freunde?

Daniel: Bei unseren Freunden ist es so, dass es einen Teil gibt, der das gar nicht kommentiert und einen Teil der Unterstützung liefert. Die engen Freunde stehen hinter uns. Ich glaube, deswegen sind sie auch unsere engen Freunde. Da sind die meisten interessiert und viele lassen sich von unserem Vorhaben auch inspirieren. Es geht nicht darum, dass sie auch so eine Reise machen, aber, dass sie auf sich selber hören. Viele hinterfragen, ob die eignen eingeschlagenen, ausgetretenen Wege, die sie gehen, wirklich so gegangen werden müssen. Oder ob es vielleicht noch etwas Anderes gibt. Da ging es zum Beispiel um ein altes Haus, dass Freunde gekauft haben, obwohl das Umfeld gesagt hat, ‚ihr seid verrückt’.

So eine Reise ist eine ‚once-in-a-lifetime-experience’. Was glaubt ihr könnt ihr euren Kindern mitgeben?

Tina: Sicherlich sehr viel. Zunächst mal die Zeit, dass wir mit ihnen in jungen Jahren ganz viel Zeit verbringen können, ist ein Geschenk. Und als Familie können wir uns ganz intensiv kennenlernen. In unserem kleinen Mikrokosmos, in dem wir auf Reisen leben, werden sie lernen müssen, Dinge auszuhalten und mit ihren Gefühlen klarzukommen.
Daniel:  Aber wir glauben auch, dass wir von den Kindern viel lernen werden. Dieser Teil ist nicht zu unterschätzen. Die Kinder haben beispielsweise einen ganz anderen Gerechtigkeitssinn. Bei Diskussionen kommen sie manchmal mit Vorschlägen, das ist unglaublich! Da muss man sich auch mal drauf einlassen. Das ist spannend.
Tina:  Speziell auf Reisen lernen sie natürlich andere Kulturen, Lebensweisen und Standards kennen. Die Kinder dürfen ihrer Neugier folgen und nicht nur der Ratio. Das müssen sie früher oder später noch genug. Aber vielleicht nehmen sie das mit und entscheiden sich später mal ganz bewusst für ihr Herz und nicht für gesellschaftlich gelernte Ratio. Da hoffen wir schon, dass unsere Kinder weltoffener werden durch die Reise.

Nachhaltigkeit…ein zentrales Thema der Reise

Zunächst war es euer Wunsch auf Reisen zu gehen. Dann kamen mit der Zeit verschiedene Projekte hinzu: In Bogota, Kolumbien, werdet ihr für den PFC-freien Outdoorbekleidungshersteller Paramo eine Stiftung besuchen, Interviews führen, einen Blick hinter die Kulissen der Produktion werfen und wahrscheinlich in den Alltag einer Projektfamilie eintauchen. In Peru wollt ihr in Altiplano Alpakafarmen des Naturmodeherstellers hessnatur besuchen und dort mit den Bauern leben. Und in Guatemala plant ihr eine Kooperation mit dem Rucksackhersteller Ethnotek. Dort werdet ihr das Handwerk lernen, mit dem die Rucksäcke der Firma produziert werden. Vaude unterstützt euch mit vielen Produkten aus ihrer Green-Snape-Linie, z.Bsp. mit Campingausrüstung. Alle Projekte beschäftigen sich mit dem Thema Nachhaltigkeit. Sie geben Eurer Reise einen übergeordneten Sinn, ist so etwas nötig?

Beide überlegen lange…

Tina:…grundsätzlich ist das Thema Nachhaltigkeit schon sehr, sehr lange ein Thema bei uns. Das kam durch verschiedene gesundheitliche Probleme und damit über das Thema Essen. Dann haben wir begonnen, uns für nachhaltige Kleidung zu interessieren und so ging das weiter. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Produkte, die unter dem Banner Nachhaltigkeit firmieren, uns entsprechen. Beispielsweise hat uns der Film ‚Plastic Planet’ sehr bewegt und wir haben nach und nach Plastik reduziert und ausgetauscht. Seitdem haben wir viel verändert. 

 Daniel: Wir sind keine Ökoaktivisten. Aber wir haben Augen im Kopf! Wir haben sehr viel über Konsum nachgedacht, darüber, welche Fragen die Kinder stellen werden und was die Antworten sind, wenn sie tote Tiere am Strand sehen, die von einer Plastikkordel aus dem Meer stranguliert wurden. Wir möchten nicht missionieren, aber durch unsere Kooperationen können wir auf unserem Blog etwas zeigen und darstellen. Das entspricht wiederum uns als Kommunikationsexperten und Designer.

"Who made my clothes?" Diese und andere Fragen stellten wir hessnatur und Kristin Heckmann, der Leiterin der…

Posted by LIFE for FIVE on Sonntag, 23. April 2017

 

Habt ihr Angst, vor dem was Ihr sehen könntet?

Tina und Daniel: Ja, absolut.

Tina: Ich glaube, vor allem der Müll der überall rumliegt, wird mich schockieren. Und natürlich könnte der Blick hinter die Kulissen bei den Firmen enttäuschen. Vielleicht entspricht das, was sie kommunizieren, gar nicht der Realität. In Bogota gibt es viele Produktionsstätten…
Daniel: Natürlich glaube ich, dass die Projekte, die wir sehen werden, der Idealzustand sind und es abseits davon sehr viel Leid gibt und sehr viel Umweltverschmutzung. Ich glaube auch, das wir unterwegs sehr viele Themen mitbekommen werden, an die wir jetzt noch nicht denken, über die wir dann aber auch schreiben werden. Ich glaube auch, dass das teilweise an die Substanz gehen kann, je nachdem wie tief man da einsteigt. Beispielsweise wird auch Kohle aus Südamerika nach Europa exportiert. Der Abbau erfolgt ohne Rücksicht auf die Menschen vor Ort. Darüber könnten wir beispielsweise auch schreiben.

Das Kollektiv kann andere anstecken, nicht einzelne Personen

 

Glaubt ihr wirklich, dass euer Tun Relevanz hat? Glaubt ihr nicht, dass die Leute, die ihr ansprecht, sich sowieso schon mit Themen wie Nachhaltigkeit etc. beschäftigen und der Rest die große Mehrheit ist? Ihr wollt doch eigentlich mehr erreichen…

Daniel: Ich glaube, wir sind ein Teil einer Gruppe. Und die Lösung ist sicherlich nicht, dass einer viel erreicht, sondern, dass viele mitmachen. Deswegen präsentieren wir auf unserem Life-for-Five-Blog auch viele Leute, die sich engagieren. Wir sehen uns als Mitmacher – nicht als Einzelkämpfer. Um ganz oben anzufangen: Wir posten ein Interview von Bill Gates zum Thema, oder stellen eine kleine Firma vor, die sich engagiert. Ich glaube, das Kollektiv kann andere anstecken, nicht einzelne Personen. Hier erleben wir viel Zuspruch und treffen andere ‚Spinner’, denen es genauso geht. Das stimmt uns zuversichtlich.

Tina, Daniel – Danke für das Interview. Wir wünschen euch einen wunderbaren Start für eure Reise. Wie es Life for Five geht, könnt ihr auf ihrem Blog verfolgen, und wir haben für den Winter 2017 ein Interview-Update mit einer ersten Zwischenbilanz geplant.


About the author Claudia Klingelhöfer rotate

träumt auch im Sommer manchmal von der perfekten Powderabfahrt, hat aber auch nichts gegen einen flowigen MTB-Trail und einen Sonnenuntergang mit Bergblick.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

.schliessen
oeffnen