Für mehr Powder  – POW fordert ein Umdenken der Wintersportler

Powder in den Alpen bald nur noch ein Traum? Soweit ist es noch nicht, aber für Wissenschaftler steht fest, ein Bild wie unser Titelfoto ist nicht nur der Albtraum für Freerider, sondern wird immer öfter zur Normalität gehören. So prognostiziert eine Studie des Max‐Planck‐Instituts Hamburg für den Alpenraum bis zum Jahr 2050 eine Zunahme der Jahresdurchschnittstemperaturen um 2°C (im Vgl. zu den Jahren 1961‐1990). Bis 2085 wird von einem Temperaturanstieg von 4° bis 5°C ausgegangen. 

OR: Die Initiative POW – Protect Our Winters will etwas dagegen tun und engagiert sich deshalb für den Klimaschutz. Berni Mayer ist Gründungsmitglied von POW Austria. Er hat sich zum Ziel gesetzt, damit einen möglichst großen Teil der Wintersportgemeinde zu erreichen.

Wir sind der Meinung, dass wir durch unseren Sport auf Themen wie den Klimawandel aufmerksam machen können. Durch die globale Erwärmung sehen wir unseren Sport bedroht und dadurch wollen wir Skifahrer und Snowboarder animieren, ihren Lebensstil anzupassen. Wir wollen zudem die Besucher in Skizentren ansprechen und sie zum Nachdenken bringen: Also, muss ich wirklich mit dem dicken SUV dahin fahren, oder muss ich wirklich mein australisches Steak auf der Hütte essen? Und so wollen wir die Leute über unseren Sport zum Nachdenken anregen und einen Beitrag zum Umweltschutz und zum gesellschaftlichen Verhalten an sich leisten.

„Langfristig wird das Modell Wintersport in Österreich höchstwahrscheinlich auslaufen“

 

OR: Bei den derzeitigen klimatischen Verhältnissen gelten 91% der alpinen Skigebiete in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz als schneesicher. Die übrigen 9% werden bereits unter Grenzbedingungen betrieben. Die Schneesicherheit der Skigebiete würde bei einer Klimaerwärmung von 1°C auf 75%, um 2°C auf 61% und um 4°C auf rund 30% zurückgehen. Die Konsequenz: Die Skigebiete gehen immer noch höher hinaus und haben allein in Österreich 20 000 Schneekanonen installiert. Ist das nicht ein Kampf gegen Windmühlen?

Langfristig gesehen sind Skigebiete in niedrigeren Lagen, so zwischen auf 800/1800m vom Aussterben bedroht. Natürlich sind nicht nur die Skigebiete die „Bösen“und verantworten den Klimawandel, sondern es sind vor allem die großen Energieproduzenten von Kohleenergie, auch von Öl, sprich die Ölindustrie. Alle Verbrennungsmotoren, also alle Autos, alle Leute die durch die Welt jetten, haben global gesehen einen viel, viel höheren Impact als die Skigebiete. Allerdings muss man auch sagen, dass Skigebiete recht profitorientiert sind und immer höher hinaus wollen, größer werden wollen und die Natur auch irgendwo austricksen durch Schneekanonen. Aber langfristig gesehen, wird sich das in niedrig gelegenen Skigebieten nicht lohnen und mit Powder hat das dann sowieso nichts mehr zu tun.

Freerider-Traum: Powder

OR: Auf der Weltklimakonferenz in Paris wurde das sehr plakative Ziel verabschiedet, die Klimaerwärmung zu begrenzen, auf maximal 2°C besser noch auf 1,5°C. Der Weltklimavertrag verpflichtet erstmals Staaten aus 195 Ländern zum Kampf gegen die Erderwärmung, tritt 2020 in Kraft und soll alle fünf Jahre überprüft werden. Ab 2050 sollen die Netto-Emissionen auf null gesenkt werden. 

Prinzipiell begrüßen wir das Abkommen. Die 2°C bzw. 1,5°C Grenze ist mehr als wir erwartet haben, das ist schon mal super und da freuen wir uns auch. Allerdings hat der Vertrag auch ein paar Lücken, die jetzt in den Medien nicht so kommuniziert worden sind: Das heißt, jedem Land der Erde steht es im Prinzip frei, wie es die Klimaschutzvorgaben umsetzt. Da muss es jetzt nationale Pläne geben und die werden dann umgesetzt. Das Schlechte daran ist, dass es seitens der UN keine Sanktionen gibt, falls die Zielvorgaben nicht eingehalten werden und das kritisieren wir. Also, das große Ziel steht, aber es wird jedem Land quasi freigestellt und es gibt keine finanziellen Sanktionen, wenn ein Land die Vorgaben nicht erfüllt. Was wir da kritisch sehen, nächstes Jahr sind Wahlen in den USA und wie die Republikaner zum Klimawandel stehen, das dürfte bekannt sein… Wir dürfen uns da nicht zu früh freuen, das ist unsere Meinung von POW Austria.

OR: Das ist nachvollziehbar. Aber wenn wir gar nicht so weit schauen und in Österreich bleiben, dann muss man auch vermuten, dass die Klimaziele den wirtschaftlichen Zielen widersprechen. Denn die Wintersportindustrie in Österreich hat eine Wertschöpfung von elf Milliarden Euro, jeder 14. Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt vom Wintersport ab. Da werden sich weder Politik noch Wirtschaft den Klimazielen unterwerfen…

Es ist im Prinzip ein Teufelskreis, wenn man sich den Wintertourismus anschaut: Die Leute leben von der Natur und dem Schnee. Und damit der Wintertourismus das bieten kann, müssen Schneekanonen/Kunstschnee angeschafft werden. Das zieht einen großen Energie- und Wasserverbrauch nach sich. Und im Endeffekt beschleunigt die Wintertourismusbranche dadurch den Prozess, weil sie sehr viel Energie verbraucht, die nicht zu Hundertprozent aus erneuerbaren Quellen gedeckt wird. Sie zerstören sich eigentlich mehr oder weniger selber. In den tiefergelegenen Gebieten bekommt die Tourismusindustrie das jetzt schon zu spüren. Wir denken, dass der Skitourismus hier ein Auslaufmodell ist und dass es früher oder später nur ein paar Hotspots geben wird. Das sind die Gletscher und Skigebiete die topographisch begünstigt sind. Aber langfristig gesehen wird das Modell Wintersport in Österreich wahrscheinlich auslaufen. Es ist schwierig da einen Zeithorizont zu sagen. Aber wenn wir die globale Erwärmung nicht eindämmen, werden die ersten Gebiete bald dran sein.

OR: Als Tochterorganisation von POW International wurde der österreichische Ableger 2015 gegründet. Einer der besten Freerider weltweit Jeremy Jones rief POW International 2007 ins Leben. Neben Österreich gibt es POW in Europa außerdem in Finnland, Frankreich und Norwegen. Das Mission Statement von POW lautet die Wintersportgemeinde im Kampf gegen den Klimawandel zu vereinen. Aber wie sieht so eine allgemeinverträgliche Lösung im Engagement für den Powder aus? Wie bekommt man Wintersportindustrie und Umweltschützer in ein Boot?

Die größten CO2-Verursacher sind nicht die Schneekanonen oder die Lifte, sondern die An- und Abreise und die Hotellerie. Das heißt, man kann im Mobilitätsbereich sehr viel machen. Es gibt das Paradebeispiel von Werfenweng im Salzburger Land. Dort werden Leute belohnt, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. Diese Gäste bekommen günstigere Übernachtungspreise. Oder man kann seinen Autoschlüssel abgeben und dafür wird für die Dauer des Aufenthalts ein Elektroauto zur Verfügung gestellt. Das sind so Musterbeispiele. Und ich denke, das ist der größte Hebel, wo wir im Wintersport ansetzen können: Mobilität und Hotellerie. Also muss die Sauna im Hotel schon um acht Uhr morgens laufen? Muss ich im April oder Mai noch bis ganz ins Tal fahren können, oder reicht es irgendwann mit der Beschneiung? Auch was die Effizienz der Schneekanonen oder Liftanlagen angeht und die Gebäudeausstattung in den Skigebieten selber. Nutzt ein Skigebiet Wärmedämmung oder Wärmerückgewinnnung und erneuerbare Energien? Das kann man weiterführen zum Beispiel in den Bekleidungs- und Restaurantbereich: die Skishops in den Gebieten können ökologisch produzierte Bekleidung verkaufen, die Restaurants könnten statt der Steaks aus Argentinien, regionale Produkte anbieten. Und so gibt es ganz, ganz viele weitere Möglichkeiten.

„Es ist eine Sache des Anstands aus den fossilen Energien auszusteigen“

 

OR: An dieser Stelle setzt auch POW Austria an: Regionale Projekte, Umweltinitiativen werden unterstützt, Konzepte für die Mobilität mit öffentlichen Verkehrsmitteln erarbeitet, Einsatzmöglichkeiten für erneuerbare Energien aufgezeigt und Kooperationen mit Regionen und Skigebieten aufgebaut. Aber die Frage ist doch, wird eine Initiative wie POW Austria wahrgenommen? Werden Initiativen wie POW auch in einem Skigebiet wie Ischgl gehört?

Genau das ist die große Herausforderung, die wir haben. Wenn man sich speziell das Paznauntal, wo Ischgl liegt, anschaut, dann gibt es nur einen großen Arbeitgeber und der heißt Tourismus. Und die Skigebiete fühlen sich oftmals ein bisschen angegriffen, wenn man sagt, „hej, was ihr macht, ist nicht naturverträglich und nur auf Kommerz ausgerichtet“. Aber wir sind auch der Meinung, dass die Skigebiete, die das Geld haben und das hat Ischgl zum Beispiel, dass die auch sagen können, sie bieten jetzt Elektroautos an, oder sie wollen ihre Stromerzeugung 100% auf erneuerbare Energien umbauen. Also genau diese Gebiete könnten es sich leisten und diese sollten, unserer Meinung nach, als Vorreiter in diesem Bereich tätig sein. Wenn der reiche Londoner bspw. mit seinem Range Rover ins Gebiet kommt, dass der dann sieht, hej die haben Solaranlagen auf dem Dach, oder bieten Elektroautos und regionales Essen an. Das sollte bei den Besuchern dann auch einen „Wow-Effekt“ auslösen und sie zum Nachdenken anregen. Wir sind der Meinung, ein Skigebiet ist ein bisschen wie ein Labor und in der Pflicht, Dinge auszuprobieren. Ich habe jetzt erst ein Statement von einem gehört, der gesagt hat „es ist eine Sache des Anstands aus den fossilen Energien auszusteigen“.

Powder-Traum

OR: Neben der Arbeit an regionalen Projekten gehört das Engagement bei Demos oder Veranstaltungen gegen den Klimawandel zur Arbeit von POW Austria. Dritter Bereich sind Bildungsinitiativen. Schüler sollen lernen, was Klimawandel bedeutet und was sie dagegen tun können. Eine wichtige Rolle dabei dürfte auch die POW Austria Riders Alliance spielen. Die Freerider sollen aktive Botschafter auf dem Snowboard oder den Ski sein und sich für Umweltschutz und nachhaltigen Lebensstil einsetzen. Auch Elias Elhardt ist beispielsweise unter den POW Botschaftern. Aber Freerider sind öfter mal mit dem Helikopter unterwegs und das gehört ganz und gar nicht zur umweltfreundlichen Mobilität.

Wir schauen, dass die Fahrer authentisch sind, bspw. wollen wir keine Fahrer, die von Red Bull gesponsert sind, oder die ihren Schwerpunkt komplett auf Heli-Skiing legen. Wir wollen Fahrer die „Naturburschen“ sind, die hochiken am Berg und nicht so die – Entschuldigung – Kommerzschlampen. Wir wollen Fahrer die „back to nature“ sind. Das sind unsere Botschafter. Es ist manchmal ein bisschen schwierig, weil die Fahrer oft ihr Geld auch mit Heli-Skiing verdienen, wenn sie Videos im Powder drehen oder extreme Fotos machen. Aber es soll nicht Überhand nehmen. Richtig ist, dass das eine kontroverse Diskussion ist. Sagen wir mal so, wir wollen keine Athleten, die für Geld alles machen.

OR: Als Verein ist POW auf Mitglieder angewiesen. Welche Gründe gibt es für eine solche Mitgliedschaft?

  1. Gute Möglichkeit sich im Umweltbereich zu beteiligen und aktiv zu werden
  2. Ist ein Commitment, dass die Berge einem was wert sind und dass man sich dafür einsetzt
  3. Ist auch der Einsatz für eine Wandel, nicht nur was das Wirtschaften der Skigebiete angeht, sondern auch allgemein, was den Konsum und Materialismus angeht
  4. POW ist eine aufgeschlossene und kreative Organisation. Hier hat man die Möglichkeit sich selbst einzubringen und zu beteiligen.
  5. Und weil wir einfach sympathische Leute und motiviert sind, was in Tirol zu bewegen und vielleicht auch darüber hinaus, generell im Alpenraum. Uns gibt es ja auch in Frankreich und vielleicht bald in der Schweiz

 

OR: Und natürlich zum Abschluss noch: Was kann jeder Einzelne im Bereich Wintersport für die Umwelt tun?

Skigebiete genauer unter die Lupe nehmen. Sind es komplette Kommerzgebiete oder wirtschaften sie nachhaltiger. Da gibt es auch die Kooperation Alpine Pearls. Dort sind Skigebiete verzeichnet, die auf Nachhaltigkeit setzen. Vielleicht auch mal mit dem Bus oder Zug fahren, auf jeden Fall Fahrgemeinschaften bilden, verantwortungsvoll konsumieren und so kleine Dinge, wie Müll mitnehmen, nichts am Berg beschädigen. Generell macht man auch schon sehr viel richtig, wenn man Ökostrom bezieht oder man wird POW-Mitglied! (lacht).

OR: Berni, vielen Dank für Deine Zeit und das Interview.

Hat Euch das Interview mit Berni Mayer gefallen? Dann teilt es, gebt ein „Gefällt mir“ oder hinterlasst einen Kommentar, wir freuen uns auf Eure Reaktionen.


About the author Claudia Klingelhöfer rotate

träumt auch im Sommer manchmal von der perfekten Powderabfahrt, hat aber auch nichts gegen einen flowigen MTB-Trail und einen Sonnenuntergang mit Bergblick.

2 Comments

  • Hi Claudia,

    ein echt gutes Interview, ich denke wenn sich jeder ein bisschen hinterfragt kann man schon einiges an seinem Verhalten ändern. Speziell die Aktion in Werfenweng sollten andere Skigebiete vielleicht auch mal in Betracht ziehen.

    Grüße aus Hessen

    • Claudia Klingelhöfer 13/01/2016 at 14:45

      Hallo Jäger der Berge,
      vielen Dank für das Kompliment! Ja richtig, das Beispiel Werfenweng ist super und war uns auch so nicht bekannt. Grüße aus Bayern

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