Finale Ligure: Trails, Trails, Trails…

Ralf Glaser ist in der Mountainbike-Szene kein Unbekannter. Unzählige Mountainbikeführer hat der Münchner schon verfasst. Sein neuestes Werk über die Gegend um das MTB-Mekka „Finale Ligure“ ist gerade erschienen. In nur fünf Monaten hat er das Buch „Liguria Trails!“auf den Markt gebracht und dabei auf ein Hilfsmittel zurückgegriffen, das derzeit die Mountainbike-Szene spaltet, wie kaum ein anderes Thema.

Vinschgau, Dolomiten und jetzt Finale Ligure

Ralf, die Regionen die Du in Deinen Büchern verarbeitet hast, könnten nicht unterschiedlicher sein – nach welchen Kriterien suchst du Deine Projekte aus?

Persönliches Interesse. Ich mache Buchprojekte, in Gegenden wo ich Lust drauf habe. Das ist das Wichtigste. Und dann muss ich schauen, ob es da schon was gibt, oder ob da ein Bedarf besteht. Ich bin selbstständig, ich muss mein Geld und meine Zeit in Projekte investieren, bei denen es eine Aussicht gibt, dass es ein Return on Invest gibt. Bei Büchern über die Dolomiten oder das Vinschgau braucht man sich keine Sorgen machen, die gehen immer. Tja, und Finale, was soll man zu Finale Ligure noch sagen…(lacht). Es ist schon ein mittleres Wunder, dass es nicht schon fünf Guidebücher über die Region und die Finale Ligure Trails dort gibt.

Was macht Finale Ligure so einzigartig, im Gegensatz zu den Dolomiten oder dem Vinschgau?

Naja, das Ambiente…Berge und Meer, das ist eine tolle Kombination. Und angeblich soll es ja auch Trails direkt bis ans Meer hinunter geben – das halte ich aber für eine Legende. Soviel ich weiß, gibt es nur zwei oder drei Trails, die direkt bis runter zum Meer führen. Die restlichen Trails sind alle im Hinterland. Mich persönlich fasziniert am meisten, dass es in Europa keine andere Gegend gibt, in der das Mountainbike so gut angesehen ist, wie in Finale. Biker sind dort einfach ein Teil des Ortsbildes. Keiner schaut dich blöd an, wenn du mit deinen alten FiveTen, deinen Schonern und deinem Fullface-Helm auf die Piazza rollst – das ist in Finale einfach normal. Im Vinschgau ist es ähnlich, aber dort gibt es noch die Wanderer. Dort ist Mountainbiken nicht stilbildend, sondern eher eine Aktivität unter vielen. In Finale Ligure ist es DIE Aktivität.

Mountainbiken auf den Finale Ligure Trails

Finale Ligure ist aber doch eher ein Shuttle-, als ein Tourenparadies, oder?

Finale lohnt sich absolut für Touren. Ich muss aber zugeben, dass ich die ersten Mal in Finale auch eine faule Socke war. Mehr als 1000 hm bin ich da insgesamt auch nicht raufgetreten. Natürlich macht es Spaß zu shutteln, um anschließend die Finale Ligure Trails zu rocken. Aber irgendwann bin ich an dem Punkt gewesen, wo ich mich gefragt habe, kenne ich eigentlich Finale? Wenn du an dem Punkt bist, dann bleibt dir nichts anderes übrig, als selber in die Pedale zu treten und auf Entdeckungstour zu gehen. Schon zwei Hügel von der NATO-Base entfernt, gibt es auch schöne Trails. Die Region um Finale ist prallvoll mit Trails, die nicht speziell für Mountainbiker gebaut worden sind.

Luftaufnahme: Nato-Base

Hast Du in Finale eine Lieblingstour gefunden?

Also, welcher Berg mich wirklich überrascht hat, war der Monte Carmo. Ich war das erste Mal im Herbst dort und es hat mich fast umgehauen. Das Laub war schon runter, irgendwelche verkrüppelten Ahornbäume waren zu sehen und dann rennen plötzlich auch noch weiße Pferde rum. Dann dieser Wald, eine Atmosphäre, wie bei BlairWitch Projekt…und oben hast du ein Panorama, einfach zum niederknien. Und der Trail runter ist auch noch der Wahnsinn. Dort ist nichts extra für Mountainbiker hergerichtet worden. Es ist natürlich etwas mühsam, man muss sein Bike viel schieben, auch ein bisschen tragen. Es ist eine ganz neue Facette von Finale, die man dort vielleicht auch nicht erwartet und die für mich das Angebot in Finale Ligure komplettiert. Denn so kommt auch noch das Alpine dazu. Das ist mir am meisten im Gedächtnis geblieben.

Finale Ligure Trails scouten – ein hartes Stück Arbeit

Wie bist Du für das Buch vorgegangen – warst Du alleine unterwegs oder mit Locals und Freunden?

Ich war sowohl mit Freunden, als auch mit Locals unterwegs – oft aber auch alleine. Ich habe natürlich den Kontakt zu den offiziellen Stellen gesucht. Für das Buch habe ich mit den Bikehotels Finale Ligure zusammengearbeitet, die das Projekt auch zum Teil gesponsert haben. Dort habe ich mir auch Infos zu Wegen geholt, die jetzt nicht befahren werden sollen. Oder über Strecken, wo auch kommuniziert werden soll, dass sie nicht befahren werden dürfen.

“Rund 90 Prozent der Finale Ligure Trails bin ich gefahren“

 

Wie muss man sich Deine Arbeit vor Ort vorstellen, kaufst Du Dir eine Karte vom Gebiet und fährst dann jeden möglichen Weg ab?

Das Kartenstudium steht natürlich an erster Stelle. Meist arbeite ich auch mit Satellitenbildern und hole mir im Vorfeld so viele Informationen, wie es nur geht. Vor Ort fahre ich aber nicht eine Tour nach der anderen und veröffentliche sie dann so, wie ich sie gefahren bin. Stattdessen gehe ich systematisch vor und versuche, möglichst alle Trails in einem Sektor zu fahren. Um zu wissen welche die guten Trails sind muss ich auch die schlechten fahren. Von drei Versuchen ist oft einer für die Tonne. Da schiebst du dein Rad einfach nur runter und bist froh, wenn du irgendwie unten ankommst. Am Ende habe ich dann aber ein verifiziertes Wegenetz mit guten Strecken. Dann überlege ich mir, wie ich mit den Versatzstücken Touren basteln kann, die in sich rund sind. Im Fall von Finale war es natürlich einfacher. Dort gibt es viele gebaute Trails, wovon die meisten schon bekannt sind. Da kann man nicht mehr viele Geheimtipps verraten. Ich glaube, dass ich in Finale rund 90 Prozent der Strecken gefahren bin, die man fahren kann. Und noch ein paar mehr, die keinen Sinn machen.

Wieviel Stunden pro Tag sitzt Ralf Glaser im Sattel, wenn er neue Touren auscheckt?

Also, ich bin jetzt nicht so der Alpinist der um fünf Uhr morgens aufsteht, ich geh schon auf Nacht mal ganz gerne ein Bier trinken. Dann fang ich halt um neun Uhr oder zehn Uhr an…aber acht Stunden sitze ich dann doch im Sattel. Ganz anders sieht das aus, wenn ich im Hochgebirge unterwegs bin. Gerade für so Bücher, wie Dynamite Trails, da bist du schon einmal von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang unterwegs.

 

Ein Skiunfall zwingt zum Umdenken

Was fährt Ralf Glaser für Umfänge…Höhenmeter etc. ?

(..lacht) Ohne den Leuten mit der Pulsuhr am Arm zu nahe treten zu wollen, aber das ist für mich kein Kriterium. Also, ich bin kein besonderes Konditionstier und auch kein besonderes guter Mountainbiker…ich hatte 2014 einen schlimmen Skiunfall, dabei ist sehr viel kaputt gegangen. Das war auch einer der Gründe, warum ich die Finale Ligure Trails viel mit dem E-Bike gefahren bin.

Moment mal…Ralf Glaser fährt also E-Bike?

Ja, das war das erste Mal, dass ich das E-Bike sehr stark für ein Buch eingesetzt habe…sonst hätte ich es auch einfach in der Zeit niemals geschafft. Und ob ich die Finale Ligure Trails jetzt mit dem E-Bike abfahre oder mit dem normalen Bike, deswegen ist die Information, die ich den Leuten gebe, keine andere.

Viele Mountainbiker schlagen jetzt die Hände über dem Kopf zusammen und denken, das darf doch wohl nicht wahr sein!

Für mich ist Mountainbiken natürlich ein Sport, aber ich sehe es nicht als Sport! Für mich ist Mountainbiken Fun, in die Natur rausgehen, Sachen entdecken…ich sehe das nicht so bierernst wie viele andere. Ich will einfach meinen Spaß haben und dafür brauche ich irgendwo eine technische Unterstützung. Viele kritisieren…mit dem Motor in der Natur, ja geht`s noch? Aber bitte, wer fährt denn nicht dem Auto in die Berge, um Radeln zu gehen oder beim Klettern, dort werden auch Haken in die Wand gebohrt…also, da sollten wir einmal die Kirche im Dorf lassen. Wir reden hier von Finale. Das Stichwort ,Shuttleparadies’ ist ja schon gefallen. Wenn ich mich für ein bisschen Spaß ein wenig an der reinen Idee versündigen muss, hab ich kein Problem. Ich werde es jedenfalls nicht aufhören mit dem E-Bike zu fahren, auch nicht, wenn ich wieder fit bin.

…was fasziniert Dich denn so am E-Bike fahren?

Unabhängig davon, dass ich es gerade wegen meinem kaputten Knie gebraucht habe, erweitert es einfach deinen Radius. Als ich 2014 auf einem Festival im Vinschgau war, dachte ich, dass E-Bikes nur für Menschen sind, die nicht treten können und nur Forststraße fahren. Pustekuchen…am Ende bin ich mit dem E-Bike Singletrails rauf und runter gefahren. Klar, du fährst mit dem Bike nicht alles…aber du fährst Trails hoch, da kommst du mit dem normalen Bike einfach nicht hoch! So wie die E-Bikes heute sind, kannst du damit auch locker bergab fahren. Aufgrund der Masse musst du zwar kontrollierter fahren, aber das kann man verschmerzen. Ich sag mal, es schränkt mich bergab nicht so sehr ein, wie es mir bergauf neue Möglichkeiten gibt. Und beim Trail-Scouten ist ein E-Bike perfekt. Du stehst morgens auf, fährst 30 Kilometer, kommst kurz zum Campingplatz um etwas zu essen, schläfst `ne Runde und danach ist die Batterie wieder voll und du gehst weiterfahren.

“In den Dolomiten hab ich mal mein Bike 600 hm runtergetragen“

 

Was fasziniert Dich am Trail-Scouten – Du könntest doch auch einfach rausgehen und Spaß haben?

Hm, das ist eine gute Frage…vielleicht liegt es daran, dass ich ursprünglich aus der Kletterszene komme. Dort ist es zwar schön, wenn du Touren wiederholst, doch die Erfüllung ist es erst, wenn du neue Touren begehst oder neues Gelände erschließt. Wenn du ein ganz bestimmtes Niveau erreicht hast, dann machst du das halt. Beim Mountainbiken habe ich von Anfang an Neuland gesucht. Wobei der Vergleich mit dem Klettern natürlich hinkt. Die Wege auf denen ich fahre gibt’s ja schon. Es handelt sich also nur um persönliches Neuland. Trotzdem. Du fährst ins Unbekannte und weißt, das kann auch voll in die Hose gehen. Letztes Jahr hab ich in den Dolomiten mal mein Bike 600 Höhenmeter runtergetragen. Da war irgendwann nicht mal mehr ein Weg. Shit happens. Wenn der Plan dann aber aufgeht und du einen Epic Trail erwischst, ist das unglaublich befriedigend.

Spass auf den Finale Ligure Trails

Thema Ausrüstung: Du bist ja so eine Art „Ein-Mann-Maschine“ d.h. Du spotest, Du schreibst die Texte und machst noch die Fotos. Was hast Du alles bei so einer Tour dabei?

Meine Ausrüstung für das Buch über die Finale Ligure Trails bestand aus einer Nikon 750 mit einem Objektiv, zwei Blitzgeräten und einem kleinen Stativ – da lag ich so insgesamt bei rund fünf Kilo. Bei größeren Sachen kommen noch ein Teleobjektiv, ein Weitwinkel plus Windjacke und Verpflegung dazu – dann liege ich meist bei zwölf Kilo. Aber oft habe ich einfach auf Essen verzichtet, um noch ein Objektiv einzupacken…aber man wird mit der Zeit ruhiger…(lacht).

Wie oft hast Du Dir schon gedacht, Mensch hätte ich die Tour doch besser nie veröffentlicht und lieber für mich behalten?

Hinterher Skrupel haben bringt nichts. Das muss man sich schon vorher überlegen. Viele kritisieren, dass durch Veröffentlichungen Leute in Gegenden biken gehen, wo vorher niemand war. Das stimmt natürlich. Allerdings sind diese Leute dann vielleicht nicht mehr in Gegenden unterwegs, wo vorher viele waren. Ich denke, je mehr Möglichkeiten bekannt sind, desto weniger ballen sich die Biker in Hotspots, in denen es dann Probleme gibt. Und meines Wissens habe ich mit meinen Beschreibungen noch nicht so einen Run auf eine Tour ausgelöst, dass sie völlig überlaufen wäre. Ich hab das zwar oftmals befürchtet, aber bislang war es nicht der Fall.

…hast Du deshalb mal eine Tour nicht veröffentlicht?

Ja, sicher. Gerade bei dem Buch über die Trails rund um München, habe ich viel herausgelassen.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Was macht Ralf Glaser, wenn er nicht gerade im Sattel sitzt oder Bücher schreibt?

(lacht)…also, momentan ist ein großes Ding von mir, das ich in zwei Bands Bass spiele. So zwei bis drei Mal die Woche gebe ich mir voll die Dröhnung im tieffrequenten Bereich…aber nicht Heavy Metal, eher Rock, Funk-Rock…das taugt mir voll.

Danke Ralf und viel Erfolg mit Deinem neuen Buch!

Infos zum Buch Liguria Trails

Buchcover freigestelltFinale Ligure zählt zu den beliebtesten Freeride-Revieren Europas. Seinen guten Ruf verdankt der Küstenort an der italienischen Riviera der Qualität seiner Trails. Touren wie der „Rollercoaster“ oder Sektoren wie die „Base NATO“ sind echte Freeride-Klassiker. Der neue MTB-Führer „Liguria Trails!“ beschreibt die 40 besten Mountainbike-Touren rund um Finale Ligure aber auch in den Nachbarregionen Pietra Ligure, Calizzano und Colle di Nava. Wer das Buch „Liguria Trails!“ kaufen möchte, klickt hier: www.trails.de.

Über Ralf Glaser

Ralf Glaser – hat sich als Buchautor bereits einen Namen gemacht. Viele Mountainbiker haben seine Bücher (Dynamite Trails, Vinschgau Trails usw.) in den Regalen stehen. Ralf Glaser arbeitet unter anderem für Magazine wie MountainBike, BIKE oder BikeSport...und wenn er nicht gerade im Sattel sitzt, dann spielt er Bass.

 

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About the author Sven Papendick rotate

liebt technische Trails, gute Outdoorausrüstung und Skandinavien. Sein Hilleberg hat ihn noch nie im Stich gelassen.

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