das hört sich im ersten Moment etwas skurril an. Wer Tom Öhler kennt, der weiß in welchem Terrain sich der Österreicher normalerweise herumtreibt. Dem Trial-Mountainbiker stehen kaum einmal Hindernisse im Weg, die er nicht mit seinem Bike überwinden könnte. Für sein neuestes Bike-Abenteuer war er zusammen mit seinem Spezl Harald Philipp unterwegs…und dieses Mal zog es Tom Öhler zum Mountainbiken nach Nepal.

Tom, du kommst gerade von einem vierwöchigen Nepal-Trip zurück. Nepal ist nun nicht gerade als Mountainbike-Mekka bekannt. Wie kam es zu der Idee?

Also, ich mache jedes Jahr ein Projekt mit dem Fotografen Stefan Voitl. Das besondere daran ist, dass alle Projekte einen Charity-Fokus haben. So waren wir im letzten Jahr in Guatemala und haben dort gemeinsam mit Hans Rey und seiner Charity-Organisation „Wheels for Life“ 31 Räder an die Menschen dort verteilt. „Wheels for Life“ schenkt Menschen in Dritte-Welt-Ländern Fahrräder, die sie im Alltag dringend benötigen. In Guatemala gingen die Fahrräder an Schulkinder.

…und wie seid ihr auf Nepal gekommen?

Auf Nepal sind wir aufgrund des schweren Erdbebens im vergangenen Jahr aufmerksam geworden. Wir haben dann mit Hans Rey gesprochen und dabei ist herausgekommen, dass die Menschen in Nepal auch dringend Räder benötigen. Speziell Arbeiter die außerhalb von Kathmandu leben. Sie nutzen Fahrräder, um damit zur Arbeit zu fahren, oder Lasten zu transportieren. So ist die Idee zum Nepal-Projekt entstanden.

Suche immer eine fahrtechnische Herausforderung

 

Nun ist Nepal nicht gerade klein, wo genau wart ihr unterwegs? 

Das Gebiet in dem wir uns hauptsächlich bewegt haben, lag im Langtang-Nationalpark nördlich von Kathmandu. Unsere Homebase haben wir an den Gosainkunda-Seen  aufgeschlagen. Gosainkunda liegt auf knapp 4.400m und du erreichst das Gebiet nach zwei Tagen Fußmarsch. Dort sind wir dann auch vier Tage geblieben. Gosainkunda hat uns gereizt, weil wir noch nie ein Bild von Bikern dort oben gesehen haben. Zudem suchen Harald und ich immer fahrtechnische Herausforderungen und die haben wir dort gefunden.

Gosainkunda im Langtang-Nationalpark

Wie seid ihr bei der Tourenplanung vorgegangen. Habt ihr auf das Wissen von Locals zurückgegriffen?

Wenn wir so ein Charity-/ Adventure-Projekt machen, dann schauen wir schon, dass wir jemanden vor Ort haben, der sich auskennt. Unser Ziel ist es ja, Land und Leute kennenzulernen. Wir haben dann vor Ort einen lokalen Guide kontaktiert; einen Guide der in der Annapurna- und Mustang-Region geführte Touren anbietet. Der hat uns dann auch die Touren zusammengestellt…die er selber aber gar nicht kannte (lacht)…es waren aber durchweg Trekking-Routen, die auf  Karten eingezeichnet sind. Zusätzlich sind wir dann noch ein paar kleine Wege gefahren, das hat die Sache noch etwas spannender gemacht.

Wie haben die Nepalesen reagiert, als sie Euch gesehen haben mit euren Mountainbikes und dem ganzen Equipment? Die haben doch bestimmt nur mit dem Kopf geschüttelt oder?

Der Überraschungseffekt hielt sich in Grenzen. Die Nepalesen sehen dort viele Touristen. Die wundern sich kurz, dass man mit dem Fahrrad unterwegs ist und nicht mit dem Esel…aber das war’s schon. Es waren eher die anderen Touristen, die uns verwundert angesehen haben. Es waren zwar nur wenige unterwegs, aber die nutzen die selben Wege hoch und runter wie wir. Und die überlegen dann doch, ob sie bergab lieber ein Fahrrad hätten oder nicht…doch sie bleiben dann lieber bei ihren Wanderschuhen…(lacht).

Bergsteiger die in Nepal unterwegs sind, lassen ihre Ausrüstung meist von Trägern die Berge hochschleppen. Wie habt Ihr das gemacht?

Am Anfang wollten wir eigentliche keine Träger haben, doch man hat uns gesagt, dass die Nepalesen sich darüber freuen würden und dass es in unserem Sinne wäre. Wir haben dann von daheim alles organisiert. Als wir aufgebrochen sind, hieß es, dass wir einen Guide und zwei Träger haben. Vor Ort hatten wir dann aber zwei Guides und fünf Träger…insgesamt waren wir am Berg mit zehn Leuten unterwegs. Es hat aber alles wunderbar geklappt und ehrlich gesagt, war es auch sinnvoll, denn wir haben jeden Mann gebraucht. Wir haben soviel Equipment mitgehabt…Laptop, Fotoausrüstung, Ersatzbatterien, da schleppt man schon etwas.

Tom Öhler am Laurebina Pass in Nepal

In deinem Instagram-Account habe ich ein Selfie von Dir gesehen, wo du am Laurebina Pass auf 4.650m stehst. Was ist das für ein Gefühl, wenn man da oben mit seinem Bike steht?

Das kannst du gar nicht so einordnen. Egal wohin du siehst, du siehst überall hohe Berge um dich herum 5000er, 6000er…du bekommst die Dimensionen nicht so richtig mit. Generell gilt in Nepal: Jede Erhebung unter 6000 m ist kein Berg, sondern ein Hügel.
In der Annapurna-Region, wo wir zuvor eine Woche zum akklimatisieren waren, ist das schon anders. Da war es dann so, dass du auf dem Berg stehst und da waren dann überall Wolken, plötzlich ziehen die Wolken weg und du schaust hoch und denkst…hm, da sollte eigentlich gar kein Berg mehr sein und auf einmal schaut da ein Riesenberg heraus…das ist dann schon sehr beeindruckend.

Im technischen Gelände bin ich lieber auf dem Rad unterwegs

 

Du sagst, Ihr wart zu Vorbereitung in der Annapurna-Region unterwegs. Hat sich die Vorbereitung positiv ausgewirkt, wie bist Du mit der Höhe zurecht gekommen?

Ja, die Luft ist dünn und daran ändert auch die Vorbereitung nichts…(lacht). Bei der Tour in der Annapurna-Region haben wir schon zu spüren bekommen, was es heißt, in der Höhe sportlich aktiv zu sein. Da waren wir etwas zu schnell unterwegs. Die Folge war, dass ich Kopfschmerzen bekommen habe und nicht so gut schlafen konnte. Das war für mich schon so ein Lerneffekt. Bei unserem Aufstieg nach Gosainkunda haben wir dann präventiv Diamox genommen. Wenn du in Kathmandu (1200m) losgehst und innerhalb von zwei Tagen in Gosainkunda (4650m) bist und dann dort in der Höhe vier Tage bleibst, dann ist das schon relativ brutal. Deshalb haben wir in der Gruppe entschieden, dass wir zur Sicherheit den Blutverdünner Diamox einnehmen. Zudem sind wir alles ein wenig langsamer angegangen.

Gerade Harald Philipp und Du, Ihr seid beide oft im alpinen Gelände unterwegs. Ihr wisst sowohl körperlich als auch technisch, wo Eure Grenzen sind. Jetzt kommt mit der dünnen Luft aber eine Komponente hinzu, die Ihr nicht einschätzen könnt. Hat man da ein wenig Angst, wenn man den Berg runterfährt? 

Ne, da denkst du nicht dran. Da überwiegt mehr das Gefühl…wow, jetzt endlich dürfen wir runterfahren. Wir haben beide nagelneue Räder dabei gehabt, die wir eigentlich in Kathmandu einfahren wollten. Das hat aber aus zeitlichen Gründen nicht hingehauen. Also, haben wir zwei Tage lang nagelneue Räder den Berg hochgetragen und konnten es kaum erwarten, die Räder auszuprobieren. Außerdem ist es bei mir so, dass ich im technischen Gelände lieber auf dem Rad unterwegs bin, als zu Fuß.

Wie schwierig ist es, dort bergab zu fahren?

Also, wir sind ja eigentlich nur einen Berg bergab gefahren. Dort war es extrem technisch, viele Steinstufen, sehr geröllig, aber es war dann doch alles fahrbar.

 

Harald Philipp war gerade mit dem Thema „Flow“ auf Vortragsreise. Habt ihr in Nepal auch den Flow gefunden?

Ja, sicher. Beim Fahren war ich schon drin im Flow. Aber nicht nur beim Fahren. Auch beim Hochgehen…wenn du so daher gehst, die Landschaft auf dich wirken läßt, deinen langsamen Atem hörst…da bist du ganz schnell im Flow.

Das Duo Tom Öhler und Harald Philipp ist ein Garant für spannende und außergewöhnliche Projekte. Kann man sich wieder auf einen Film wie „Sea of Rock“ freuen?

Nein, leider nicht…das hat aber einen einfachen Grund. Wir haben einfach keinen Filmer dabeigehabt. Zudem wollten wir das Projekt von Anfang an klein halten, weil der Charity-Gedanke im Vordergrund stand. Hätten wir einen Filmer und Equipment mitgenommen, wäre das um ein vielfaches teurer geworden und das hätte sehr im Gegensatz zu dem Charity-Gedanken gestanden.

Würdest Du Nepal als Mountainbike-Ziel weiterempfehlen?

Auf jeden Fall…aber nicht Gosainkunda…(lacht). Das ist dort schon sehr speziell vom Fahrvergnügen. Aber die Annapurna- oder Mustang-Region bietet sich da schon mehr zum Biken an. Das Gelände dort ist generell etwas flacher, du kommst auf 5.000m hoch und hast super flowige Singeltrails. Meines Wissens ist dort beinahe alles fahrbar. Ich hab’s noch nicht gemacht, aber ich kenne es von Fotos und von Erzählungen. Das muss schon ein einmaliges Erlebnis sein.

Du warst jetzt in Nepal unterwegs, die Vertrider Sylvia Leimgruber und Axel Kreuter waren zuletzt in Malawi – werden guten Mountainbikern die Alpen langsam zu klein?

In den Alpen sind wir ja täglich unterwegs! (lacht) Man muss dazu sagen, das es im österreichischen Raum relativ schwierig ist, solche Geschichten zu machen, wegen dem Bundesforste und gesetzlichen Regelungen. Das war auch schon bei „Sea of Rock“ ein Problem…aus diesem Grund durften wir im Vorschaubild auch einen netten Satz einfügen. Deswegen zieht es uns dann mehr in die Ferne, außerdem ist das Reisen auch extrem spannend. Ich hab durch meine Shows schon viel erlebt, aber durch die Reisen lernt man noch mehr dazu – für mich persönlich sind das tolle Erfahrungen, die ich sammeln darf.…und die nächsten Projekte sind Harald und ich schon am planen, konkret gibt es aber noch kein Ziel.

Tom Öhler

„In technischem Gelände bin ich lieber mit dem Rad als zu Fuß unterwegs“. Ein Satz, der Tom Öhler perfekt beschreibt. Der Wahl-Innsbrucker kennt keine Hindernisse, das hat Tom schon in seiner aktiven Wettkampfzeit unter Beweis gestellt. Weltmeister, Junioren-Vizeweltmeister, Indoor-Europameister –im Trialbiken gehörte Tom Öhler jahrelang zur absoluten Weltspitze. Sogar im Guiness Buch der Rekorde ist Tom Öhler mit zwei Einträgen vertreten. Doch die aktiven Wettkampfzeiten sind vorbei, jetzt ist Tom Öhler ein gefragter Fahrer bei Trial-Shows im In- und Ausland. Zudem konzentriert er sich auf Film- und Fotoprojekte. Und immer öfter zieht es ihn auf das Mountainbike.

Du willst mehr über Mountainbiken in Asien wissen? Wir hätten da noch was: Auch in Kirgisistan gibt es epische Trails!


About the author Sven Papendick rotate

liebt technische Trails, gute Outdoorausrüstung und Skandinavien. Sein Hilleberg hat ihn noch nie im Stich gelassen.

2 Comments

  • Sehr schönes Interview! Nepal mit Rad würde mich auch seit langem sehr reizen, aber ich vermute, da scheiterts an meinen Bike-Fähigkeiten 😉

    • Sven Papendick 18/07/2016 at 09:21

      Hi Carolyn,

      freut mich, das dir das Interview gefallen hat. Also, den Trip den Tom Öhler gemacht hat, würde ich mir auch nicht zutrauen. Fahrtechnisch weniger anspruchsvoll, dafür aber genauso erlebnisreich soll es in der Annapurna/ Mustang-Region sein. Vielleicht ist das etwas für dich!? Oder du holst dir Inspirationen in unserem Kirgisistan-Beitrag.

      Gruß
      Sven

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