Vali Höll ist eines der größten Versprechen, die der Mountainbike-Sport hat. Schon im mittleren Teenageralter kennt sie in der Szene jeder. Downhill ist ihre Disziplin. Anne-Caro Chausson ist eine der größten Legenden, die der Mountainbike-Sport hat. 19-fache Weltmeisterin (Downhill, 4-Cross und Dual), Goldmedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen im BMX. ACC ist die beste Mountainbikerin, die der Sport je gesehen hat.

Nach einer Krebserkrankung 2015 kehrte sie 2016 nochmal in den Rennsport zurück. Inzwischen ist Chausson zurückgetreten und für Commencal als Markenbotschafterin unterwegs. Diese neue Freiheit genießt sie unheimlich, sagt Chausson. Beim Bike-Festival in Riva guided sie zum Beispiel kurze Touren unter anderem zusammen mit Vali Hall, die im Spielberghaus in Saalbach-Hinterglemm aufgewachsen ist. Diese Gelegenheit haben wir genutzt und beide mal gefragt, wie Schnelligkeit auf dem Mountainbike eigentlich wirklich geht. Wir haben ihnen dafür die Stichwörter

  • Kurventechnik,
  • mentale Stärke,
  • Linienwahl,
  • Talent oder Training,
  • Fahrstil und Alter vorgegeben und zum Abschluss wollten wir noch wissen, was Idole für sie bedeuten.

Anne-Caro Chausson und Vali Höll über

Kurventechnik beim Mountainbiken

Anne Caro Chausson

Anne-Caro Chausson: Um schnell zu sein, ist natürlich alles wichtig, du brauchst ein gutes Rad, gute Reifen, gute Fahrtechnik usw. Was die Kurven angeht, kommt es darauf an, ob es flache oder Steil-Kurven sind, oder welche in schräger Hanglage. Du musst einerseits so viel Geschwindigkeit wie möglich mit in die Kurve nehmen, andererseits so schnell wie möglich aus der Kurve rauskommen.

Es ist also immer ein Kompromiss. Ich persönlich habe ja nicht gerade einen „Crazy-Riding-Style“ mit vielen Slides und so weiter. Wenn man mich fahren sieht, wird man nicht sehen, ob ich gerade schnell fahre. Ich versuche meine Geschwindigkeit am Kurveneingang zu managen und dann habe ich das Ziel so schnell wie möglich aus der Kurve rauszukommen.

Da braucht es natürlich Erfahrung, um zu wissen, wie stark ich vor der Kurve wirklich bremsen muss. Das hängt natürlich davon ab, ob es eine felsdurchsetzte Kurve ist, oder ob es gerade nass ist. Das lernst du nur über Erfahrung.

Vali Höll

Vali Höll: Jeder kann Vollgas treten, aber wenn du schnell aus der Kurve rauskommst und dich da ein bisschen erholen kannst, ist das natürlich ein Vorteil. Da muss ich also besonders darauf achtgeben, das ich richtig und zum richtigen Zeitpunkt bremse. Mir kommt es vor, dass ich es eigentlich anders mache, als alle anderen. Eigentlich heißt es vor der Kurve bremsen und danach und ich bremse eigentlich immer in der Kurve (lacht).

Mentale Stärke und MTB

ACC: Mentale Stärke macht den Unterschied zwischen den guten und den sehr guten Fahrern aus. Jeder trainiert hat, hat gute Skills, kennt den Kurs. Aber die mentalen Fähigkeiten machen den Unterschied. Wie fühlst du dich? Was denkst du gerade? Deine Psyche ist das was den Unterschied mach – so viel ist sicher.

Bei mir persönlich kann ich das natürlich nicht erklären. Denn ich habe das einfach. Ich habe immer ganz gut trainiert und kann ganz gut fahren. Aber so lange da keine Zeitnahme ist, fahre ich nicht superschnell. Sobald es eine Zeitnahme gibt, kann ich mich gut pushen. Das ist etwas, was ich habe, seitdem ich sehr jung bin.

Das ist also auch nichts, dass ich ändern kann. Ich bin aber dafür eine sehr gestresste Person. Das wurde auch mit all der Erfahrung nicht besser. Für die Olympischen Spiele haben wir mit einem Mentalcoach gesprochen. Aber eigentlich wollte ich nicht viel ändern.

Den eigentlich ist ja ein Schlüssel meines Erfolgs, dass ich mich nicht verstelle, oder versuche eine Rolle einzunehmen.  Wir haben verschiedene Sachen ausprobiert und einige haben mir für mein normales Leben ebenfalls geholfen, das ist nie verkehrt. Und schließlich geht es darum, dass du vor dem Rennen dich richtig fokussierst, da haben wir alle unsere Tricks.

VH: Mir geht es im Winter meistens am schlechtesten, wenn ich meine Konkurrentinnen zum Beispiel auf Facebook sehe, wie sie alle Radfahren gehen und ich bin da in so einem Tal, wo zehn Meter Schnee liegt, wo ich nur trainieren und auf der Rolle fahren kann. Das ist für mich am härtesten. Sobald ich wieder fahren kann, geht das dann vorbei und ich kann auch meine Bike-Pics posten (lacht).

Vali Höll: „Linienwahl macht beim Downhill 98 % aus“

ACC: Sie ist das allerwichtigste. Es hängt natürlich davon ab, was für ein Typ von Fahrer du bist, aber grundsätzlich ist sie so wichtig, weil du ja auch keinen Motor am Rad hast. Wenn du das Terrain richtig lesen kannst, wirst du schnell sein!

VH: Das macht, glaube ich, 98 Prozent vom Rennen aus. Eigentlich fahren fast alle die gleichen Linien im Rennen, aber es gibt dann doch immer ein paar Zentimeter Unterschied und dann kommt man doch schneller durch.

Mountainbiken: Talent oder Training

ACC: Einige trainieren richtig viel – deshalb sind sie gut. Aber wenn talentierte Leute viel trainieren, sind sie natürlich besser. Talent ist definitiv ein Teil des Erfolges. Mit Sicherheit! Jeder der heute einen Weltcup gewinnen will, muss aber gleichzeitig hart arbeiten. Beispielsweise Rachel Atherton, sie ist talentiert, trainiert und hat jetzt auch noch eine Menge Erfahrung gesammelt.

Bei ihr kommt jetzt alles zusammen. Wenn du nicht so talentiert bist, kannst du sicher mal ein Rennen gewinnen, aber das war es dann vielleicht schon. Ja, es eine Mischung aus allem. Ich habe so viele junge Fahrer gesehen, egal ob auf dem BMX oder auf dem Mountainbike und ich sehe die Unterschiede sofort.

Aber so ist das Leben. Und dann hoffe ich immer, dass sie etwas draus machen. Denn manche haben so viel Talent und arbeiten nicht hart genug.

VH: Schwer zu sagen. Wenn du Talent hast, trainierst du vielleicht weniger und denkst, ‚ich muss ja nichts machen’. Die mit weniger Talent trainieren automatisch mehr. Deshalb denke ich, dass man früh lernen muss, dass man trotz Talent etwas machen muss. Ich glaube, insgesamt macht das Training mehr aus, als das Talent.

Ich habe  seit diesem Winter einen Konditionstrainer. Ich sehe das eher als Schutz. Die Fitness / Muskulatur hilft ungemein, wenn du stürzt. Wenn du so ein ‚dünnes Stangerl’ bist, ist das gefährlich und natürlich hältst du es auch nicht durch die Strecken 5 Minuten lang richtig durchzuballern.

Die Strecken werden ja immer härter und länger. Da musst du dich dann auch entsprechend länger konzentrieren können. Ich mache alles: Kraft, Ausdauer, Sprungkraft usw. Wir trainieren beim Radfahren eigentlich wie Skifahrer.

Wie wichtig ist der Fahrstil beim MTB?

ACC: Früher bin ich immer mit hohem Risiko gefahren. Ich kannte meine Grenzen nicht. Heute weiß ich genau, wo meine Grenzen sind. Deshalb kann ich jetzt ganz gut so fahren, dass ich nicht unbedingt stürze. Das macht einen Riesen-Unterschied: Schnell sein und trotzdem wenig Risiko einzugehen.

VH: Ich glaube, ich fahr sehr smooth, fast zu smooth, aber wenn es dann mal sein muss, kann ich auch richtig Gas geben. Wenn ich mal stürze, dann meist im Training. Das hat einen großen Vorteil, dann weiß ich nämlich im Rennen, wo ich Gas rausnehmen muss und wo ich es wieder laufen lassen kann.

Anne Caro Chausson

Was macht das Alter beim Biken aus?

ACC: Kein Kommentar (lacht)…

VH: Das ist ganz interessant. Früher sind alle mit BMX aufgewachsen, jetzt ist die Bike-Industrie so weit, dass sie schon für Kinder Fullies machen. Auch ich bin mit dem MTB-Fully aufgewachsen. Ich bin nicht BMX oder Cross-Country oder so einen Schmarren gefahren (lacht), sondern gleich richtig Radl fahren gewesen.

Man sieht, dass die Kinder im Bikepark schon solche Skills haben und dann sieht man die Fahrer von früher, die ganz andere Kurventechnik haben. Ich habe ja mit acht mein erstes Fully bekommen und mit 13 bin ich mein erstes Downhill-Rennen gefahren. Das war eigentlich ganz witzig mit gemischten Klassen. Papa hat schon gesagt, dass ich da ganz hinten landen werde und dann bin ich Erste geworden vor all den Jungs. Das war schon cool.

Meine Eltern sind früher Transalp gefahren und dann waren sie in Whistler und seitdem, 2005, sind sie nur noch Freeride gefahren. Mein Papa hat ja dann einen Trail gebaut und ich war sowieso nie ‚tretlastig’ und dann konnte ich immer runter fahren.

Anne-Caro Chausson und Vali Höll über Idole

ACC: Ich hatte zwar kein Idol, aber ich denke, für mich ging es immer darum, mit meinen beiden älteren Brüdern mitzuhalten. Ich bin jünger als die Beiden und immer, wenn ich ihnen folgen konnte, fand ich es gut. Und wenn nicht, war ich nicht zufrieden. Und jedes Mal, wenn sie etwas tolles gemacht haben, wollte ich dasselbe machen.

Später war es dann mein Trainer, beim BMX, der gut aussah, Semi-Profi und ziemlich gut war, ihn wollte ich beeindrucken. Auch später, gepusht haben mich immer Leute, die ich kannte. Ich wollte, dass sie persönlich eine gute Meinung von mir haben.

VH: Für mich ist Rachel Atherton ein Vorbild. Sie ist extrem gut, trainiert hart und will auch, dass mehr Frauen aufs Bike steigen. Von ihr kann man sich viel abgucken.


About the author Sven Papendick rotate

liebt technische Trails, gute Outdoorausrüstung und Skandinavien. Sein Hilleberg hat ihn noch nie im Stich gelassen.

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